Sie brauchte nicht lange,um festzustellen, dass das Tageslicht ihr fehlte. Tag für Tag fuhr sie Strecken monotoner Emsigkeit, die Emsigkeit war dabei bei den Menschen, die von Punkt A zu Punkt B gelangen wollten, draußen zwischen den Bahnhöfen umher wuselten und drinnen Schokoriegelkrümel auf den Sitzen verloren, die Monotonie war bei ihr. Sie saß auf einem mit Schaumstoff gepolsterten Plastiksessel, der zudem gefedert war und auf- und abhüpfte. Dabei lenkte sie die Lok gelenkig durch die schmalen Tunnel, umgeben von Backsteinen, die wie eine raue Landschaft vorbei flogen – nur ohne Landschaft. Die Lok zog die gelben Waggons hinter sich her, Ingrid kam es jedoch so vor,als sei sie selbst es, die zog; acht Waggons aus Eisen und Stahl hingen an ihren Armen, wie eine überdimensionierte Entenfamilie, während sie vornweg stapfte und die schnatternde Herde durch die Dunkelheit führte.
Sie drehten Kreise auf dem Schienennetz,sie fuhren eine Vertikale von oben und dann von unten wieder hinauf. Ingrid schaute morgens in ein kleines blassgelbes Heftchen aus billigem Papier, um nachzulesen, für welche Strecken man sie heute eingeteilt hatte und dann begann sie, mit ihren Zügen die vorgezeichnete Form nachzufahren, bis sich am Abend, nach dutzendfacher Wiederholung, ein Abdruck des Weges unter die Erde gedrückt haben musste, so jedenfalls kam es ihr vor. In Kreisen vorankommen, Angst haben, nicht den Punkt abzupassen, an dem die Kreise zu Spiralen werden.
Ingrid mochte den gefederten Stuhl, ihr gefiel sogar das Gefühl, das sie hatte, wenn sie sich vorstellte, sie lotste mit aller Kraft eine emsige Entenmenge durch die Welt. Was ihr allerdings nicht gefiel, war die Dunkelheit. Die Dunkelheit brannte schwarze Flecken in ihren Kopf, die sich bis in ihr Herz ausbreiten konnten, wenn der Tag lang wurde und das künstliche Licht malte grüne Ringe unter ihre Augen. Deshalb kündigte Ingrid zum Ersten des Monats.

Am Morgen stand sie zeitig auf. Die Straßen lagen noch im Nebel und als die Sonne ein paar spärliche Strahlen schickte, brachen sie sich darin. Ein warmer Schleier waberte zwischen den Häusern umher. Der Fluss, der an dieser Stelle der Stadt bloß ein kleines Rinnsal war, gluckste in der kalten Luft und auch über ihm standen Dunstwolken; es schien aus ihm zu dampfen, als habe Ingrid einen isländischen Geysir entdeckt.
Sie trug keinen Helm, hatte darauf verzichtet. Es stimmte zwar und wie erwartet prasselten die Herbstfrüchte von den Bäumen und mehrfach traf sie eine Kastanie auf den Kopf, fiel eine Eichel vor ihre Füße,sodass sie stolperte. Es war tatsächlich so, dass der Weg Umsicht erforderte und manchmal schmerzte der Aufprall auch ein bisschen. Sie überlebte allerdings, das merkte sie, je weiter sie an diesem Morgen spazierte und es tat gut, den Wind auf der Kopfhaut zu spüren. Ein Helm hätte all das verhindert. Als sie heute aufgewacht war, war ihr klar gewesen, dass es noch etwas zu erledigen gab. Und so steckte das kleine Paket in ihrer Jackentasche, sie ertastete das Backpapier, das sie drumherum gewickelt hatte, es war rau,als sie mit den Fingerkuppen darüber fuhr. Der Briefkasten, den sie ansteuerte, lag am anderen Ende des Viertels und Ingrid lief den Weg beschwingt, aufmerksam, bewusst und kaum zögernd. Sie bog ab, ließ den Fluss hinter sich fallen, kam an dem kleinen Marktplatz vorbei, auf dem mehrere Leute auf Leitern standen, um Lichterketten zwischen die Kastanien zu hängen. Das Restaurant, das im Morgenlicht verschlafen daneben stand, war noch geschlossen. Auf der Speisekarte,die im großen Guckkasten direkt neben dem Eingang platziert war, las sie „Ragout vom Kaninchen“. Pasta alla Puttanesca, Tagessuppe. Im Vorbeigehen erhaschte sie einen Blick auf die weißen Tischdecken hinter den Fenstern. Eine Frau,die ein geblümtes Tuch um den Kopf geschlungen hatte, stand mit einem Staubsauger in der Mitte des Raums. Ingrid sah alles das im Vorbeigehen, sie erinnerte sich, dass sie einmal an dort drinnen gesessen hatte, sie dachte an den Winter, an vom Wind steife Finger, an ein warmes Heizungsrohr, an denen die Finger schließlich aufgetaut waren, während sie ein Päckchen ausgepackt und das darin eingewickelte Geschenk entdeckt hatte. Wollstrümpfe, die unter einem Jeanssaum zum Vorschein gekommen waren und an Gespräche,in denen ein deutscher Schäferhund vorgekommen war. Es gab Hundemenschen und solche, die Katzen mehr mochten. Sie gehörte zu letzteren.Sie dachte an Frühsommer, an Bier und Zigaretten neben Leuten, die Tischfußball spielten, ihr fiel ein, dass es Gesprächspausen gegeben hatte, die sich schwer hatten füllen lassen, Pausen, in denen etwas gefehlt hatte. Sie ließ den Platz hinter sich.
Ingrid erreichte den Briefkasten, der sie seit dem Erwachen wie magisch angezogen hatte. Für einen Augenblick hatte sie nicht den geringsten Zweifel. Sie suchte die Zeilen mit den verschiedenen Namen ab, fand den richtigen und ließ das Päckchen in den Schlitz fallen, bevor sie den dumpfen Aufprall hörte. Noch eine kurze Weile stand sie davor, mit leeren Händen im Morgennebel, schaute die Straße hinab und zu den Fenstern hinauf, dann drehte sie sich um und ging fort.
Später wurde sie traurig.
Noch später schwand die Traurigkeit ein Stück mehr. Schmolz davon oder kondensierte in den Nebel, der über dem Fluss empor stieg.

Danach am Tag fand sie dann ein Haus, ein Grundstück mit einem Vorgarten. Sie entdeckte darin Kürbisbeete. Die Stufen der Vordertreppe waren alt und ausgetreten. Sie hatte eine irre gute Idee. Doch das –
ist eine andere Geschichte.
30.11.18 18:26
 

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