Nach ihrer Reise in die Berge war alles sehr schnell gegangen und Ingrid hatte einen Job als Untergrundbahnfahrerin angetreten. Es war dies weder geplant noch sonderlich gewünscht von ihr gewesen, wenngleich sie zunächst auch überhaupt nicht sagen konnte,ob sie gegen diese Art, einen Großteil des Tages, manchmal auch der Nacht, zu verbringen eine direkte Abneigung empfand oder nicht. So oder so hatte sie sich der Entscheidung gebeugt, die aus einer akuten Not der Stadtverwaltung Marseille erwachsen war. Aufgrund zahlreicher und hartnäckiger Krankheitsfälle sowie ein paar knallharter Kündigungen war es dort nämlich zu lästigen Ausfällen langjähriger Mitarbeiter gekommen. Die Situation war akut geworden, so akut, dass der öffentliche Nahverkehr beängstigende Lücken aufwies und man mangels Transportmöglichkeiten bereits Überlegungen anstellte, ob es nicht vielleicht einfacher für alle Beteiligten sei, die Stadt zum Ende des Altweibersommers vorsichtshalber gleich aufzulösen und eventuell gleich in eine europäische Großstadt der Wahl einzugemeinden. Zeitungen veröffentlichten Schlagzeilen, die mit satten Zahlen belegen sollten, dass die Menschen ihr Geld zunehmend und sehr einseitig in Wanderequipment steckten. Das schien nicht weiter verwunderlich, da ein Großteil der Bevölkerung sich nun morgens die Aktentaschen,Arztkittel oder Malerpinsel unter den Arm klemmte und gegen vier Uhr erst einmal zu einem etwa dreistündigen Marsch von Nord nach Süd, Ost nach West, von oben nach unten, recht nach links, von den abgelegensten Neubausiedlungen hin zu den renommiertesten Bürogebäuden und eben vice versa am Abend aufbrach. Die Sportmediziner jubilierten zwar und auch die Bergbekleidungsausstatter vergossen Freudentränen, doch der restliche Einzelhandel reagierte gemäßigt bis schockiert und vorsichtshalber erstmal depressiv. Und als die ersten Bürger dann schon freiwillig begannen, ihre Computer eigenhändig aus dem Fenster zu werfen, mit der Begründung, sie hätten dafür überhaupt keine Verwendung mehr, ihnen ginge das Geflimmer tierisch auf die Nerven und sie seien dazu übergegangen, den Bildschirm allenfalls dekorativ zuzuhäkeln, lieber aber würden sie in Kneipp-Bad-Gutscheine investieren, war man alarmiert gewesen und hatte die Reißleine gezogen.

Ingrid hatte davon nichts mitbekommen, der öffentliche Nahverkehr war ihr vollkommen schnuppe. Sie hatte erst im Nachhinein und viel zu spät von der Notsituation erfahren. Als sie zurückkam, teilte man ihr in einem amtlichen Brief mit, dass man um ihre Leidenschaft für öffentliche Transportmittel wisse, ein Beruf in der Branche, das sei doch ein heimlicher Wunschtraum von ihr! Damit wolle man ihr, das räume man allerdings ein, offen gestanden aber auch nur Honig um den Mund schmieren, während ihr keine Wahl gegeben sei. Sie müsse nun nämlich ihrer Bürgerpflicht nachkommen und sich nützlich machen, sie habe sich, ob sie wolle oder nicht, bereits morgen zum Dienst zu melden. Sie argumentierten dann noch, dass das doch auch sehr gut zu ihrem ursprünglichen Beruf als Schäferin passe, gewissermaßen kutschiere sie dann einfach ihre Schäfchen durch die Gegend, haha.
Der Brief war auf taubengrauem Papier gedruckt gewesen und hatte ein hässliches gestempeltes Wappen getragen. Ingrid hatte ihn in ihrem Briefkasten gefunden, vor dem sie wie in Trance Halt gemacht hatte, an dem Abend als sie aus den Bergen zurückkehrte.
In ihrem Kopf hatte vorher schon ein Lagerfeuer gezüngelt, das sich den ganzen Weg über an vielen Gedanken und mehreren Szenarien aus Ingrids jüngster Erinnerung genährt hatte und nach dem Öffnen der Post breitete sich das Lodern dann in den ganzen Körper aus. Die leichte Lähmung,die sie dazu verspürte, sorgte für ein sehr seltsames und wenig angenehmes Empfinden: ein in Watte gepacktes Lagerfeuer. Vielleicht am Ende ein kleines bisschen schüttelfröstig. So in etwa fühlte sich Ingrid, die norwegische Schäferin in Umschulung.

Auf dem Hügel hatten der Schüttelfrost und sie sich gegenüber gestanden. Die zerknüllte Zeitung vor seinen Füßen, das Taschenmesser, das er verschreckt in seine Hosentasche hatte verschwinden lassen, das Holzfällerhemd, das seine missmutige Gebirgsgarderobe darstellte; der Rucksack, den sie sicher auf dem Rücken trug, die Spätmorgensonne, die zutraulich auf ihrem Nasenrücken saß, der Wind, der mutig ihr Haar kräuselte.
Das Gespräch dauerte nicht lange.
Der Schüttelfrost zeigte sich darin zutiefst verstimmt über die offensichtliche Realität, dernach Ingrid mit einem gepackten Rucksack zu ihm hinauf geklettert war und nun, in logischer Konsequenz, ganz real und leicht verschwitzt vor ihm stand. Er bestritt, i seinerzeit Postkarten mit seiner Adresse an sie verschickt zu haben, wobei ein bisschen unklar blieb, ob diese Ablehnung aus Scheu oder aber aus Ärger erwuchs.
Zerstreut lächelnd insistierte er, dass sie sich eine Einladung seinerseits zusammenfabuliert haben müsste, das tue ihm leid, aber, fügte er entschuldigend hinzu, sie würden sich ja so gesehen auch wirklich kaum kennen, sodass Missverständnisse natürlich vorprogrammiert seien.
Ingrid spürte eine feine Ader unter ihrem Auge,es fühlte sich an, als springe das dort fließende Blut wie ein Flohzirkus auf und ab.
Während das Flohblut in ihrem Körper zirkulierte, sagte Ingrid asketische, doch wichtige Sätze, komprimiert in der Anzahl und wohl ausgesucht. So war das einzige, das der Schüttelfrost noch von ihr hörte, die wahre Geschichte ihres Kennenlernens vor vielen Jahren, in einer von Herbstfarben triefenden Stadt, in einer beinahe ausgestorbenen Wohnung, einer Insel inmitten der Zivilisation.
Ingrid intonierte die Sätze wie eine Gutenachtgeschichte, die man Kindern vorträgt, immer und immer wieder, damit sie sie begreifen, sich erinnern, und irgendwann wissen, dass die Geschichte immer schon ein Teil von ihnen war.
Dann verstummte Ingrid, drehte sich um, und stieg vom Berg ab.

Nun fielen überreife Kastanien und Eicheln verfrüht von immer noch grünen Bäumen. Es waren so viele und sie fielen derart ohne Unterlass, das war so laut, dass es manchmal klang, als bröckelten sämtliche Hausfassaden schamlos und ohne, dass man etwas unternehmen könne. Als bräche die Stadt schleichend und doch rasant in sich zusammen, und nichts konnte man tun, als sich im Zickzack durch die Trümmerchen zu schlängeln. Ingrid fand, es grenze fast an ein Wunder, dass sie bislang nicht schlimm getroffen worden war. Dennoch überlegte sie, ob es nicht vielleicht angebracht sei, auf dem Weg zum Bäcker bereits einen Helm zu tragen, einfach, um nicht verletzt zu werden.
20.9.18 23:36
 

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