Als sie den letzten Hügelkamm erklommen hat, sieht sie sofort eine bekannte Gestalt. Sie könnte hastig auf ihn zu rennen,doch für einen Moment beschließt sie, noch im Verborgenen zu bleiben, weicht hinter eine dürre Kiefer zurück und besieht sich das Bild, das sich ihr bietet.
Der Schüttelfrost sitzt dort mit geradem Rücken auf einem niedrigen Schemel, der auf eine kleine Ebene gezerrt wurde. Dahinter lenkt der schmale Eingang in den Felsen den Blick, Ingrid kann ein schummriges Höhleninneres erahnen.
Vereinzelte Sonnenstrahlen fallen von Osten auf diese improvisierte Terrasse, die er – daran besteht kein Zweifel – sich hier eingerichtet hat. Die Strahlen streifen den linken Oberarm des Schüttelfrosts, bleiben auf seinem Gesicht liegen, lassen sein Haar ungewöhnlich golden leuchten. In Wahrheit scheint das Haar des Schüttelfrosts in der Morgensonne zu glühen, grazile Flammen sprudeln um seinen Kopf herum und lassen seine Haarfarbe in einem Dutzend Schattierungen changieren. Ingrid ist fasziniert von diesem Wärmeschauspiel, das sich da um den Kopf des Schüttelfrosts ereignet, gebannt von der Schönheit der Farben, aus denen er ganz offensichtlich besteht. Etwas schmilzt in ihr dahin, wie duftendes Harz im Sommer, das aus Kiefernstämmen austritt. Und plötzlich würde sie gerne ewig hier stehenbleiben, nur um die Schattenverläufe dieses Feuerkopfes zu studieren,bloß um darunter die Stirn des Schüttelfrosts zu beobachten, die vom Licht geflutet wird. Wie die Verläufe der Augenbrauen sich darin einfügen, das kann sie von hier aus gar nicht recht erkennen. Das ist allerdings sehr bedauerlich, sie muss sich also ein bisschen näher heranpirschen.
Vom Wachholderstrauch aus sind seine Züge klarer zu sehen. Ingrid geht behutsam in die Knie und richtet sich auf dem Boden ein, der von weichen Nadeln bedeckt wird.
Während sie die Auf- und Abschwünge der zarten Brauen nachvollzieht und zu verstehen beginnt, bemerkt sie jedoch etwas Irritierendes. Die Augen des Schüttelfrosts bleiben keineswegs in genießerischer Hingabe als Zeichen von absoluter Naturverbundenheit geschlossen, so wie sie eigentlich angenommen hatte. Von ihrem Unterstand aus sieht sie ganz deutlich, dass seine Lider unruhig wie Fledermausflügel flattern. Er reißt erst eines, dann das zweite Auge auf, starrt mit gerunzelter Stirn in die Weite. Kaum Zeit bleibt ihr, die Farbschattierungen der Iris zu würdigen, da -noch immer eine Denkerfalte über der Nasenwurzel- schließt er sie bereits wieder. Der Nachdruck,mit dem er dies tut, wirkt ungeduldig, beinahe unzufrieden, als wolle er den Augen befehlen eine Entspannungshaltung einzunehmen, an deren Anspruch sie kläglich scheitern, nicht aber scheitern sollen. Dazu passend fällt ihr das gepresste Durchdrücken des Rücken auf, die Schultern ziehen in Anspannung nach oben, der Brustkorb bäumt sich auf. Alles in einem wirkt es,als befehle er in innerer Zwiesprache mit aller Kraft und nicht frei von Entnervung und Ärger seinem Körper etwas, was dieser jedoch ganz offensichtlich nicht auszuführen vermag.
Wieder werden beide Augen schon nach wenigen Sekunden aufgerissen. Eine Hand greift zu seiner Rechten zum Boden, fischt ein Taschenmesser unter dem Schemel hervor, die andere Hand fördert einen Apfel aus der Hosentasche zutage. In schnellem Tempo beginnt der Schüttelfrost, den Apfel unsauber zu schälen. Ehe er die Aufgabe komplett beendet hat, säbelt er schon ungelenk ein Stück Obst ab, schiebt es sich in den Mund. Wieder der Versuch der geschlossenen Augen. Kauend springt er auf, hastet hinein in den düsteren Höhleneingang, kommt gleich darauf zurück, eine zerknitterte Zeitung unter dem Arm. Kaum dass er sich, mittlerweile wieder auf dem Schemel der Lektüre gewidmet hat, bricht er erneut ab, starrt abermals nach vorne,kneift die Augen zusammen, atmet unter höchster Anstrengung aus, nur um sofort wieder in die Höhe zu schnellen. Der Apfel wird dabei mit einem Fuß ins nicht überblickbare Nichts katapultiert. Der Mensch bleibt schließlich mit hängenden Schultern resigniert stehen, die Augen huschen suchend von links nach rechts.
Der Schüttelfrost befindet sich ganz offenbar in massiver Unruhe. Diese Erkenntnis trifft Ingrid aus ihren Beobachtungen und das verwirrt sie.
Ingrid selbst befindet sich nun in einem Dilemma.
Sie hat sich nunmal entschieden, aus der ersten Eingabe, die Brötchen durch frustrierten Weitwurf zu entsorgen, nicht gleich endgültige Konsequenzen zu ziehen.
Wäre sie maximal konsequent gewesen,sie hätte sich nicht hinter Gestrüpp versteckt. Sie wäre gleich zum Schüttelfrost marschiert, hätte ihn begrüßt, seine genaue Erscheinung bestmöglich ausgeblendet, hätte ein wenig geplaudert (beispielsweise den Sauerampfer erwähnt, vielleicht eine lustige Begegnung aus der Zivilisation), sie hätte die Stirn gerunzelt und so getan, als gäbe es nur sie und ihre Gedanken, welche in diesem Fall allesamt mit Dingen in Verbindung hätten stehen müssen, die das Lebensumfeld des Schüttelfrosts nicht im mindesten beträfen.
Es hätte nicht der Wahrheit entsprochen, aber sie hätte meisterhaft gespielt. Hat sie schon immer so gemacht, war ihr bislang immer gelungen.
Sie allerdings hat sich hinter der Kiefer verborgen.
Mit der Beobachtung des Schüttelfrosts hat sie die Variante gewählt, doch noch einmal abzuwarten, den Versuch gewagt, ernsthaft Indizien über sein Wesen und möglicherweise gar zu seinen Lebenszielen zu sammeln. (Wenn schon, dann steckt Ingrid ihre Ziele gerne hoch).
Natürlich getrieben von der Frage, wie es denn jetzt eigentlich mit den Brötchen stehe; ob es sie sie zu Recht beseitigt habe, oder aber – ob das Gegenteil der Fall sei. Komplett eigennützig natürlich, aber dabei ist ja auch nichts.
Nun allerdings… hat sie mehr gesehen. Um ihre Schlauheit jedoch ist es schlimmer bestellt denn je.
Was tun, fragt sich Ingrid, die norwegische Schäferin.
Mit leeren Händen, nicht einmal mehr ein bisschen Laugenbrezel ist übrig geblieben, hockt sie im Gebüsch. Die Wachholderblätter duften. Auf ihren Rücken ist ihr winziger Rucksack geschnallt, in dem sie alles trägt, was sie in den nächsten Wochen braucht.
Es stellt sich keine geringere Frage, als die, in welcher Haltung sie hier hinausgehen soll.
Noch ehe sie darüber nachgedacht hat, richtet sie sich auf und tritt aus den Zweigen heraus.
1.7.18 23:31
 

Gratis bloggen bei
myblog.de

" width="850" height="550"; scroll="no">