Bei dieser Musik bin ich wieder zweiundneunzig, denkt Ingrid. Sie sagt aber „Siebzehn!“ und sie spürt das Hüpfen im Brustkorb, das sie schon kannte, als sie fünf war.
Sie streicht sich das Haar zurück, das im Wind flattert. Dicke Strähnen, kürzer und dunkler, niemand würde sie an dem Haar der Siebzehnjährigen erkennen, obgleich auch dieses damals sehr wohl ihr gehörte. Rost gebleicht ist es gewesen, Perlen gespickt und zur Pyramide aufgetürmt. Verfremdet gewissermaßen, um nicht dem hellen Schwall an Haaren zu gleichen, den zuvor die Fünfjährige ausgiebig durch den Spiegel betrachtet hatte. Ingrid blinzelt und muss lächeln, sie hatte sich eigentlich eingebildet, das hohe Alter schon erreicht gehabt zu haben, dann und wann davon zurückgekehrt zu sein, warum nur kann sie sich aber nicht an ihre Frisur erinnern. Seltsam, denkt Ingrid. Sollte es am Ende ein Trugschluss sein, sollte ich doch nicht so meta sein, sollte mir noch mehr als ein halbes Jahrhundert bleiben, um den Status grauer Dauerlöckchen zu erreichen?
Ingrid hat gerade Zeit für derartige Gedanken, denn sie befindet sich mit einem leichten Wanderrucksack auf kontinuierlich ansteigendem hügeligen Grund, der schmale Weg schlängelt sich in den Berg hinein, immer wenn sie ein weiteres Plateau erreicht,kann sie aus wachsender Höhe auf eine zunehmend zerklüftete Landschaft blicken. Anders: die Menge an zerklüftetem Vorgebirgsfels nimmt zu, deshalb sieht sie selbstverständlich mehr Zerklüftungen. Alles in allem wird der Anblick allerdings immer sanfter und sanfter, denn zwischen dem Fels sitzt Moos, sehr viel dickes, dunkelgrünes Moos, auf den Felsen wächst Gras, saftig und vital,und je mehr Ingrid den Berg hinaufsteigt,desto mehr sieht sie auch von diesem Gesamtbild. Ein weicher, grüner Samtteppich, ausgebreitet über ruppiges Gestein.
Sie ist auf dem Weg zum Schüttelfrost, sie möchte ihn endlich einmal in seiner so oft besungenen, in Weinstimmungen schwärmerisch beschriebenen Sommerhöhle besuchen. Es ist typisch für ihn, und nicht weiter erstaunlich, dass sie ihn telefonisch nicht hat erreichen können. Am Fuße des Berges ist sie bestimmt eine halbe Stunde mit dem Telefon am Ohr voran getrippelt, das Tuten monoton, doch dauerhaft unbeantwortet, bald schon zu einer angenehmen Marschbegleitung werdend.Es kann sein, dass er dort oben wirklich keinen Empfang hat, dass möglicherweise selbst ihr Telefon davon nichts merkt, kann sein.
Unbeschwert hat sie schließlich aufgelegt, das Telefon in einen Gebirgsbach geworfen und pfeifend ihren Weg fortgesetzt.
Ingrid trägt an ihren Rucksack gebunden eine duftende Brötchentüte. Darin sind Salzbrezeln, Kürbiswecken, Zimtschnecken, und sie weiß, dass sie wahnsinnig gut schmecken.
Ingrid setzt störrisch Fuß vor Fuß, im Ohr trägt sie dieses Lied, der Wind pustet lustig an einer saisonalen Sommersprosse auf ihrer Nase herum.
Fest entschlossen ist sie, dass sie an der Höhle des Schüttelfrosts klopfen wird: sie wird ein bisschen Moos ausbreiten, das ergibt zwei erstklassige Sessel, sie wird lächeln und sagen, wie schön es sei, ihn endlich wiederzusehen. Dass sie gekommen sei, um ihm frische Brötchen zu bringen, dass sie ihn vermisst habe, das Panorama atemberaubend sei und sie die nächsten zwei Tage gemeinsam verbringen könnten. Vielleicht auch drei, was er davon hielte, sie jedenfalls habe Zeit und vielleicht habe er ja sogar darauf gewartet?
Auf einmal, auf halber Strecke, muss Ingrid fürchterlich anfangen zu lachen. Gar nicht mehr aufhören kann sie und weil sie auf einmal die Absurdität in beinahe der ganzen Vollständigkeit begreift, kippt sie alle Gebäckstücke aus der Tüte, schleudert siewie irre ins Tal, diese Eremitenbrötchen.
Weiter geht's. Wird sie halt auf den Seeadler zeigen, ihm kurz zulächeln und sagen, sie werde dann solange mal auf Bärenjagd gehen.
19.6.18 21:09
 

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