Ingrid rückt den Stuhl zurück, steht auf. Die Fensterscheibe vibriert im Rahmen, das liegt an den knarrenden Dielen, die jede Verlagerung von Gewicht auf ihnen sorgfältig detektieren und weiterleiten. Läuft man auf den Dielen, scheint sich auch das Zimmer zu bewegen. Jeder Schritt wird an das gesamte Gebäude übertragen. Das Haus wankt wirklich ganz sacht in seinen Angeln, sodass keine Regung unbemerkt bleiben kann. Es könnte manchmal beunruhigend wirken, weil einem doch klar wird, wie nah jede Bewegung an das Fundament herantritt. Aber wiederum - was soll daran schon bedrohlich sein – das Haus stürzt ja eben nicht ein. Es schwingt im Takt mit; wartet auf die Angabe des Rhythmus, hofft geradezu darauf, dass mal ein Beat bleibt. Ein verlässlicher, andauernder. Ein solider, federnder, hin und wieder Wechsel zum Offbeat. Bitte. Das Haus ist nicht baufällig, es wartet in Wahrheit darauf, zu tanzen.
Ingrid steht im Raum, sie ist aufgestanden. Es gibt Schatten aus Grün und Gelb, sie fallen von draußen durch die klappernde Öffnung zwischen den bröckelnden Fensterrahmen., sie sind gemütlich, man kann sich in ihnen verstecken, so wie Vogeljunge sich in ihrem Nest verbergen können. Ingrid dreht sich um die eigene Achse, sie dreht den Gedanken nach. Die Gedanken sind klar und abwechslungsreich, es sind sehr viele und sie alle haben ihre Eigenarten. Sie sprechen mit verschiedenen Stimmen, klare, schöne Stimmen sind das, die eine breite Palette an Charakterfiguren abdecken. Es gibt die sonore Gedanken, die souverän ihr Anliegen erzählen, die ihre Bitten und Forderungen eloquent ausdrücken; mutige Stimmen, immer mit einem gewissen Charme versteht sich. Die verträumten, leicht zerfahren wirkenden, die jede Begegnung jedoch meisterhaft analysieren und in Herzregungen subsummieren können. Ähnlich wie die tiefen Wasser, die wortkargen und dabei so pointierten, die fokussierten, die sich eben nur auf ein Leitthema konzentrieren. Die niemals, nein, NIEMALS ein wichtiges Gespräch versäumen. Selbst wenn die Zeit schon zu schnell voran geflossen scheint und behaupten will, manche Unterhaltungen seien nun eben schon verjährt – also, wirklich, hoffnungslos verpasst, basta und aus– diese Stimmen rufen inbrünstig NEIN, schnappen sich zielsicher das jeweilige Gegenüber, versenken sich wassertief in es und erflüstern grundehrlich und in den bildhaftesten Sätzen, was da eben noch gefehlt hat gesagt worden zu sein.
Die ernsten, die konsequenten, die weichen, die zähen.
Daneben tummeln sich die komischen, gewitzten, die sirrenden und summenden, die für alles eine leichte Schulter übrig haben: die spielerisch singenden Alti, Sopani, Tenöre, ja, selbst Bässe finden ihren Platz. Ein Witzchen hier, ein Lachen dort, die Humorsolisten sind sehr wichtig für die Klangfarbe.
Ingrid kennt die Stimmen und sie vertraut ihnen. Sie hat Vertrauen in sie, weil sie klar sind, klug, aufmerksam, verlässlich.
Es sind allerdings viele, und oft fallen sie einander ins Wort. Ingrid fällt dann die Aufgabe zu, sie allesamt zu verstehen, sie muss besonders gut hinhören, um sie alle zu verstehen. Und obwohl sie dies sehr gut beherrscht, müssen oft kleine Pausen entstehen, immer dann nämlich, wenn sich die Stimmen gegenseitig vor Eifer oder Präzision anrempeln und beispielsweise drei knappe Soloäußerungen in einen sinnhaften einzigen Satz gepackt werden müssen. Es tritt eine kleine Verzögerung ein. Das heißt es, wenn Ingrid den Gedanken nachdrehen muss. Genau dieses Nachdrehen erklärt, warum Ingrid, die an und für sich so pünktlich und klar im Takt wäre, immer ein wenig verspätet ist, warum sie oft mittendrin im Satz stockt, sobald sie selbst den Mund öffnet. Ingrid orchestriert einen kleinen inneren Kammerchor und ist angewiesen auf sehr geduldige Zuhörer. Und nicht immer hat sie Lust, diese Geduld von den Zuhörern einzufordern. Nicht selten bringt sie ihren Satz nicht zu Ende, weil sie die gerunzelten Stirnen der Leute sieht und plötzlich nicht mehr weiß, warum sie Übersetzungsarbeit leisten sollte für eine klare Melodie, die sie ja immerhin kennt. Die Leute könnten auch mal mehr Musik hören, findet sie. Weniger die Stirn runzeln oder einfach naturgegeben etwas mehr Geduld mitbringen.
Manchmal gibt Ingrid auf. Manchmal bleibt Ingrid stumm. Manchmal verzweifelt Ingrid an ihrem Erstummen. Manchmal nimmt sie sich vor, den perfekten und lebensreifen Text einer besonders geschätzten Stimme mitzustenografieren. Sie macht das dann auch, na klar, sie hat ja Durchhaltevermögen! Und sie schätzt sehr manche der inneren Formulierungen. Will ihnen ja auch gerne Raum geben, sie zur Aufführung bringen, sie in dieses wilde und gefährliche Draußen entlassen, nicht umsonst helfen und beraten sie sich ja auch einander in ständiger Korrespondenz. Entlassen mit der nötigen Warnung zur Behutsamkeit natürlich, einer kurzen Sicherheits- und Brutalitätsbelehrung, vielleicht. Ingrid selbst macht das ja nichts aus, also Sicherheitslücken und Realität und all das, bloß die Stimmen, die sind einfach zum Teil viel zu dünnhäutig und weltfern, ist ja kein Wunder, so wie die in ihrem kleinen Mikrokosmos großgeworden sind. Nein, dass die diese Unterrichtung brauchen, das ist schon klar.
Nur -
dann ist es leider oft so, dass sich der Zeitpunkt einfach nicht bietet.
Ingrid ist dann sehr klar, und hat die sehr klaren und genau richtigen Worte in Steno hinter den Lippen auf der Zunge, trägt sie dort und balanciert sie ganz leicht wie ein besonders starkes und gutes Pfefferminzbonbon, jede Sekunde bereit, den Mund zu öffnen und sie wie eine duftende Pfefferminzbonbonwolke entweichen zu lassen.
Aber -
dann passt etwas nicht. Dann stimmt etwas nicht. Dann sagt der andere was und sind alle schönen Worte umsonst gesammelt, alle klaren Wahrheiten liegen bereit, doch sind vergeudet. Ingrid verzweifelt daran, denn sie hat dann versagt, hat den Moment verpasst, den Mund trotzdem zu öffnen.

Ingrid steigt nun auf den Stuhl, um die große Ledertasche vom Schrank zu nehmen. Es ist eine schöne Tasche und sie mustert eine Stuhlsitzhöhe entfernt vom Boden aus das schöne Zimmer. Es ist weißer als zuvor und es ist stiller als früher. Viel ist irgendwo verstaut worden, viel hat dieses Zimmer betreten und verlassen. Mäuse, Pflanzen, Schüttelfröste, Objekte, Menschen. Ingrid vergisst sie nicht, doch sie hat sie ziehen lassen, sie versucht, die Leerstellen zu sehen und Leerstellen sein zu lassen. Nicht immer klappt das, nicht immer problemlos. Die Tasche, die Ingrid nun mitnimmt, von da oben zum Boden hinunter, hat einen Reißverschluss, der ein wenig kaputt ist. Er schließt nicht, der Reißverschluss, doch das ist gut. Ingrid steigt vom Stuhl und kniet sich neben die Tasche. Sorgfältig setzt sie die Stimmen hinein in die Tasche, behutsam und energisch. Die Stimmen haben damit kein Problem, sie riechen den pfefferminzigen Geruch im Inneren der Tasche und sie murmeln, scheinen angenehm aufgeregt über den Ortswechsel.
Als Ingrid alle Stimmen verstaut hat, schultert sie die Tasche, sodass ein leichter Lufthauch hineinwehen muss. Ingrid verlässt mit der Tasche über der Schulter das Haus, entschlossen, die Tasche auszupacken und die Stimmen selbst für sich sprechen zu lassen.
6.5.18 22:58
 

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