Ingrid, sich eben noch in einem eindeutigen und ungewöhnlich klaren Zustand von Aufbruch und Tiefenentspannung befindend, wird gleich zu Beginn der Fortsetzung überraschend und doch vorhersehbar ausgebremst: Diesmal ist es der Traum, der seine Macht entfaltet und mal erfrischend ehrlich, mal ironisch oder gar trügerisch daherkommt.
Tatsächlich versteckte er sich bereits in der Schlussszene von Teil 2 -fröhlich und herzlich winkend unter Ingrids Freunde gemischt- und stellte damit, hätte man ihn bemerkt, einen raffinierten Cliffhanger dar. (Erneut deutet sich also die Schwäche des Epos an, den Zuschauer hinreichend deutlich durch die Handlung zu führen.)
Die darstellerische Leistung der Traumfigur in ihrem großen Facettenreichtum ist jedoch unbedingt hervorzuheben. Zweifelsohne wurde mit dem hier zu bestaunenden, bis dato völlig unbekannten sardischen Jungschauspieler ein Talent entdeckt. Die schiere Sogkraft des Traumes erfährt die Hauptprotagonistin mit voller Wucht. Dies durchaus bemerkend zeigt sie sich anfangs noch ambitioniert, logische Konsequenzen zu ziehen beziehungsweise sich andeutende, potentiell hinderliche Verwicklungen zu unterbinden. Schon bald jedoch unterliegt sie der Macht des charmanten Traumes.
Fortan regelmäßig zwischen beiden Welten wechselnd, ist es vor allem die jeweils unterschiedliche Gesetzmäßigkeit der Abläufe in beiden Umfeldern, die ihr beginnt, zuzusetzen. Eine sich anbahnende Überforderung wird von ihr jedoch umsichtig durch den Schachzug der totalen Ortsansässigkeit im Wachleben begrenzt. Bravo dafür!

Die einst so flüchtige Ingrid schlägt so tiefe Wurzeln, was in erster Linie eine bedeutsame Entwicklung der Figur bedeutet. Der Film versucht dies durch eine neue akustische Gestaltung, nämlich durch Zunahme vielschichtiger Musik, zu illustrieren, wogegen die Bildgewalt des Visuellen zu diesem Zeitpunkt des Werkes nicht mehr viel Neues zu bieten hat. Man könnte meinen, dies sei beim Medium Film stets problematisch. Im konkreten Fall jedoch kommt es dafür erfreulicherweise zu einer Intensivierung des Plots – was, angesichts der bisherigen Betonung der Ästhetik, an diesem Punkt ausdrücklich zu begrüßen ist!
Ingrid kommt in Folge ihres plötzlichen Interessenverlustes für Zerstreuung und das Fliehen in sämtliche Richtungen (ja, ihrem kaum wiederzuerkennenden Wunsch nach unbedingter Konzentration) natürlich auch mit den Nebenwirkungen der Sesshaftigkeit in Berührung.
Passagen der hier erzählten Monotonie und empfundenen Abgestumpftheit werden treffend durch ein hoffnungslos wintergraues Szenenbild unterstrichen und sind dadurch mitunter eine wahre Herausforderung auch für den halbwegs lebenswilligen Zuschauer. Abermals genial in puncto fließende Grenzen.

Da sie jedoch, wie sie selbst in trotzigen Zwiegesprächen mit sich selbst bekräftigt, „gekommen ist, um zu bleiben“, beschließt unsere Hauptfigur erstens, sich voll und ganz dem wohlbekannten Repertoire aus Nebenfiguren zuzuwenden, und – zweitens- den Zustand der einst übertünchten Wände zu ändern. Die neu entstehenden Memoiren auf weiß Übermaltem mögen so einerseits erfolgreich einer zu sterilen und gleichbleibenden Umgebung entgegenwirken, wie auch die von Ingrid gefürchtete Entfremdung von sich selbst verhindern. Somit stellt der abermals als Filmelement eingeführte Zeitstrahl aus Graphit jedenfalls eine clevere Verbindung von Neu und Alt, von Vertraut und Unvorhersagbarem, von Erinnerung und Gegenwart dar. Großer konzeptueller Einfallsreichtum.

Tatsächlich entwirft Ingrid, mit neuem Lebenshunger ausgestattet, ein beeindruckendes und maßstabungetreues Modell eines sogenannten traditionellen „Wunderblocks“, auf dem ihr durch geschickte Aufzeichnungen und die entsprechende Mithilfe anderer Personen sowie des symapthischen saudischen Traumdarstellers eine vollkommene Verstrickung in sämtliche Zeitlichkeiten, Tempofragen und Erinnerungen gelingt.
Dies kann ohne Frage als eine Glanzleistung des Ingrid-Charakters betrachtet werden und gehört – durch den Effekt der erweckten Sensationsgier sowie schließlich der belustigten Resignation auf Zuschauerseite fraglos zu einer ersten Klimax im Film.

Es folgt ein entschlossenes Besinnen auf die Gegenwart, was von Ingrid besiegelt wird, indem sie mutig den Wunderblock an den Nagel in der Wand hängt und fröhlich ein kubistisches Einrichtungsobjekt vor selbige stellt. Der Zuschauer erlebt ab diesem Punkt eine Veränderung des Erzählstils, was mit einer weiteren Transformation der Protagonistin einherzugehen scheint. Zumindest ist dies der Eindruck, der sich anhand der poetisch und stark abstrahierten Bildsprache aufdrängt, welche schlagwortartig den weiteren Werdegang Ingrids streift und wenige Details dabei bis zum Erbrechen ausarbeitet. Aber dies ist doch auch schön: die stoische Beharrlichkeit der Protagonistin wird noch einmal deutlich herausgehoben.
Tatsächlich bedient sich der Film einer genialen Raffinesse, indem der sich andeutende Zustand konkrete, puren Glücks und Glitzers selbst nicht erzählt wird, dafür aber viel kryptischer Raum gelassen wird, um entsprechende Projektionen des Zuschauers zu ermöglichen. Es gehört zu einer Meisterleistung der Regiearbeit, dem zarten Inneren Ingrids unglaublich nahe zu kommen, obgleich oder vielleicht auch indem eine äußere Abwendung der Protagonistin gezeigt wird.
Ein nicht unbeachtlicher Teil des Filmes führt ausschließlich mittels verschickter Postkarten-Botschaften der jungen Norwegerin flüchtige Aufnahmen Ingrids in einem uneingeschränkt zufriedenen Zustand an. Hin und wieder lässt uns die Kamera eine Momentaufnahme erhaschen, indem Ingrid auf fremdländischen Kachelöfen versehentlich doch humorvoll ein paar Strümpfe verbrennt, zu Riesenradfahrten überredet wird, sorglose Zugfahrten in der Morgensonne besingt, heimische Fische mit Zitrone verzehrt oder, in fremde Bademäntel gehüllt, schlaflos Grass liest. Die Lichtstimmung zeigt sich hier kontinuierlich warm. Schöne Schatteneffekte.

Es gehört zu der zunehmend berührenden Hinwendung der Dramaturgie, dass im Film anschließend mehrere Dinge miteinander einhergehen. Es sind dies a) ein allmähliches Abkühlen der Lichtstimmung hin zu Blautönen; b) ein allmähliches Rückfokussieren auf die Hauptprotagonistin, und c) ein erkennbares, naives Abmühen selbiger, sich w i r k l i c h zu bemühen.
Umso ergreifender der aufkeimende Zweifel, ob sie nicht in Wahrheit zu unfähig für ein Leben ohne ihren alten Freund, den Schüttelfrost sei. Im Sinne einer eigentlich klugen Methode der Regulierung findet zwar sogar ein leidenschaftlicher Dauerlauf zum Meeressaum statt, der allerdings bedauerlicherweise falsch interpretiert wird (und der Meeressaum als Zielscheibe von Eifersucht kommt danach auf eine schwarze Liste).
Was Ingrid betrifft… Vergiftet vom Hauch eines alten Gedankens und möglicherweise nach wie vor überwältigt von der kompletten Kehrtwende der ausgerufenen Sesshaftigkeit geht plötzlich alles sehr schnell. (Dass das Erzähltempo dennoch im Gegenteil einen schleppenden und bis zur Versteinerung langsamen Eindruck erweckt gehört bestimmt zu einem ausgefuchsten Kunstgriff des Films. Wodurch die Wahrnehmung des Zuschauers zu einem so gänzlich gegenseitigen Urteil fernab der tatsächlichen Begebenheiten gedrängt wird, und,warum dies geschieht, bleibt an dieser Stelle völlig unbeantwortet.)
Während Ingrid am einen Tag noch unwissend hinter einem holländischen Bahnhofsklavier ein Abschiedslied improvisiert, soll sie bereits bald darauf durch einen Unfall tragisch zersplittert im Morast eines ländlichen Grabens landen. Der Hergang des Sturzes bleibt in sich kompliziert verschlungen, schicksalshaft und schwer rekonstruierbar – mit hoher Wahrscheinlichkeit aber ist er selbstverschuldet. Und nämlich so zu erklären, dass unsere Protagonistin wenig behände über sich selbst stolperte, wobei sie jedoch im Glauben war, zuvor eigentlich das (unbeabsichtigt!) hinterhältige Hindernis für eine andere Person gewesen zu sein, worauf diese verunglückt und sich eine halbseitige Körperlähmung zugezogen hatte. Ungeachtet, ob Ingrid nun ein Beinchen gestellt hatte oder nicht, überwog in jedem Fall ihr ausgeprägtes Schuldgefühl, wodurch allein sie die akrobatische Leistung vollbringen konnte, und sich – an sich selbst stoßend- mit einem Salto rückwärts in den Graben katapultierte. Akrobatisch und elegant bestechend (und an keiner Stelle, schon allein wegen des begrenzten Budgets kam eine Stuntfrau zum Einsatz!)

Durch das Desaster sind Knochen- und Herzbrüche sowie diverse Entzündungen zu beklagen und gelähmt wie sie ist, vermag Ingrid in dieser Zeit ausschließlich während geduldiger Krankengymnastik ihrer Wut, Trauer und Zerstörungslust freien Lauf zu lassen.
Das kubistische Objekt seinerseits fliegt eines Nachts wie von selbst aus dem Fenster und hinterlässt eine fürchterliche Lücke, die bald durch eine übermächtige und neunmalkluge Maus gefüllt wird. Ingrid ist von purem Horror erfüllt und nicht im Stande, dies zu ertragen, fürchtet noch davor Ungeziefer und versucht sich mit der überstürzten Reise nach Norwegen einer altbewährten Bewältigungsstrategie zu bedienen. Auch diese scheitert jedoch kläglich und der Zuschauer befindet sich während der nächsten halben Stunde (mindestens!) in einem Zustand vollkommener Desorientierung, der vermutlich dem seelischen Zustand der Protagonistin entspricht. Das einzig Sag- und Beschreibbare besteht hier in einem Schauspiel aus vollkommen abstrakter Farb- und Formverläufe, was zumindest die Vermutung zulässt, dass Ingrid neben deutlicher Gefühlserkrankungen auch auf Basis der visuellen Wahrnehmung starke Defizite aufweist. Klar ist nur, dass Ingrid den Wunsch formuliert, heimzukehren, Heimat erstmalig nicht mehr auf Norwegen beziehen kann und vollständig derangiert sowie nach Vernichtung ihres alten blauen Mohairmantels aus Norwegen abreist. Die Tatsache, dass da eine weitere bahnbrechende Veränderung stattgefunden haben muss, fällt im allgemeinen Trubel ob des Anblicks der fast nackt zurück kehrenden Ingrid, abermals so gut wie unter den Tisch.

Der verbleibende Rest des 3. Teils ist inhaltlich, vorsichtig ausgedrückt, doch recht überschaubar gehalten (allerdings hat der Traum hier wieder viele großartige Monologstellen). Dafür übertrifft sich der Film hier beinahe selbst an originellen und experimentellen Darstellungsweisen. Angedeutet werden soll wohl, dass Erinnerungen allmählich zurückkehren, Ingrid hingegen für nicht geringe Zeit verschwindet. Ein völlig innovatives filmische Stilmittel schafft es erstmals, olfaktorische Wahrnehmungen auf der Leinwand abzubilden und rätselhafterweise erscheint so nun jedes Mal, wohl wenn die Hauptfigur in Kontakt mit einem bestimmten Geruch gerät, ein zutrauliches und sanftes Schaf auf der Bildfläche, das sich Sehnsucht nennt und durch den außergewöhnlichen Duft besonders warmer Wolle imponiert (wieder: Spiel mit den Sinneswahrnehmungen!) Es handelt sich jedes Mal um den Auftritt eines derart vertrauten Wesens, dass die Vermutung nahe liegt, das intelligente Tier habe möglicherweise schon einen ersten Auftritt in Teil 1 gehabt. (Es muss bereits dagewesen sein, denkt sich der perplexe Zuschauer, anders ist das nicht zu erklären). Ingrid selbst hingegen ist nur anhand einer Stimme aus dem Off präsent.

Lediglich vereinzelte Augenzeugen behaupten in einer Schlussszene standhaft, einer jungen Frau zufällig über den Weg gelaufen zu sein, die mit Ingrid zumindest starke Ähnlichkeiten aufweisen soll.
Es bleibt eine der zahlreichen offenen Fragen, ob es sich hierbei tatsächlich um die Protagonistin handelte, ferner, ob Ingrid selbst Kontakt zu den besagten Personen gesucht hat, wo überhaupt sie momentan ist und was zum Teufel jetzt eigentlich als zutreffend für ihre Persönlichkeit beziehungsweise als fataler Schwindel daran gelten kann: die Sesshaftigkeit – oder eben das Gegenteil.Der nicht mehr existierende blaue Mantel, einst ihr Markenzeichen, scheint diesbezüglich einen Hinweis geben zu können.

Teil 3 des Ingrid-Epos baut ein schier unaushaltbares Maß an Spannung auf und bietet ein schlicht perfektes Sprungbrett für die Fortsetzung. Es ist zu hoffen, dass Teil 4 uns in eben solchem Umfang mit ungeahnten Wendungen zu überraschen vermag. Wenn nicht, es wäre schade, fortan gewissermaßen nur noch ein Hörspiel genießen zu können.
23.2.18 17:53
 

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