Ohne weitere Zusätze ist mit „Jahr“ das Sonnenjahr gemeint: Ein Sonnenjahr ist ein Umlauf der Erde auf ihrer Bahn um die Sonne bzw. die dafür benötigte Zeit. Das julianische Jahr ist eine vom Jahresbegriff hergeleitete Maßeinheit der Zeit und entspricht einer Zeit von exakt 365,25 Tagen.

Immer, wenn die Erde auf ihrer Bahn einmal die Sonne umrundet hat, kommt ein Gefühl, das einen einmal von oben bis unten überschwappt. Ein viel absoluteres Gefühl von Schmerz und Trauer und Erinnerung und Freude und Hoffnung, das hat vielleicht mit kosmischen Konstellationen zu tun, die sich wiederholen. Wie eine Zeitschaltung, die ein Zimmerlicht anknipst. Vielleicht braucht es ja diesen ganzen Kosmoszykluszauber. Vielleicht hält eine Glühbirne genau 365 Tage bevor sie, erst dann, im Sondermüll entsorgt werden kann.

Nicht zu fassen war das, dachte Ingrid. Es dachte dies eigentlich nicht ihr Kopf, sondern in erster Instanz andere Teile ihres Körpers. Der Magen, die Luftröhre, vereinzelte benachbarte Organklappen. Zum Kopf drangen erstmal bloß deren Verengungen, das Blut musste sich offensichtlich derart hindurchkämpfen, dass es seinerseits schließlich mit brachialer Wucht daherkam. Die bewirkte, dass ihre Ohren fast zu viel davon abbekamen, die Wangen auch. Auf einmal war es eine Überdurchblutung, die ihr zu Kopf stieg. Einatmen, ausatmen. Erst danach (nochmal fürs Protokoll: danach) wurden in den dafür zuständigen Hirnregionen Gedankengänge angestoßen, die gewohnt eitel waren und sich selbst als das Höchste ausriefen. Sie diktierten eine zu erfassende Logik der Situation, wo doch Ingrid eigentlich nur dabei war, das wellenartige Magenflattern zu beruhigen. Warum soll man denn dabei auch noch denken sollen, versetzte sie ihrem Kopf einen wütenden Hieb. Sie ahnte allerdings, dass er mal wieder siegen würde. Auf Kosten des Nachtschlafs, zugunsten der Lavendelteeindustrie und ihrem Reflex, sich erklärbar zu präsentieren.
Ihr Kopf lachte herablassend und bemerkte, dass andere sehr wohl damit zurecht kamen, alles zu integrieren. Er wisse manchmal nicht, zischte er scharf, warum ausgerechnet er damit gestraft sei, an eine solche Energieverschwenderin geraten zu sein. Diese ewige Repetition, und dann noch diese stümperhaften und umständlichen Versuche ihrerseits, das würde ihn einfach nicht fordern. U n t e r f o r d e r t sei er, ja. Ob es nicht dies eine Mal möglich sei, endlich einfache Dinge zu konstatieren, Gefühle, Herrschaftszeiten, das sei Säuglingsniveau, meine Güte, Übung mache halt die Meisterin. Sei sie ? Ach so. Ja, aber dabei dürfe es dann nicht bleiben, sei doch das reinste Aufwärmtraining, wenn sie ihn frage. Ob sie eigentlich wisse, ereiferte er sich, wie sehr er es bedauere, nicht aus ihrer Kopfhaut fahren zu können, wirklich. Wie sie eigentlich so dreist sein könne, ihm immer wieder die Überlegenheit abzusprechen, oh doch, genau das sei es nämlich, wenn sie stets Herz und Magen und herrgottsonstwas als die Königsstücke ihrer Existenz zu trainieren suchte. Er wisse ganz genau, was da in ihr vorginge, und nicht allein halte er das für naiv, er fühle sich dazu noch vollkommen vernachlässigt, abgelehnt und in seinem Stolz gekränkt! Ob sie überhaupt jemals Schuldgefühle habe, seufzte der Kopf, die einzigartige Gattung des Menschen zeichne sich schließlich durch die außerordentlichen Potenziale seinesgleichen aus (Sei sie denn etwa ein Äffchen? Eben!) und nur durch sie, Ingrid, sei er, ihr Kopf, auf dem besten Weg, schlimme Minderwertigkeitsgefühle zu entwickeln, es sei ihm daher schon ganz furchtbar traurig in der Amygdala. Andere Gehirne müssten sich nicht so quälend in Frage stellen und er habe die Ventrikel gehörig voll.

Halt doch die Klappe, schrie Ingrid, den eigenen Mund hinter dem Schal verborgen. Genau das meine ich doch, du mischst dich ein, du willst dich wichtig machen, merkst du nicht, dass mir das überhaupt nicht hilft? Ich sag dir was, ich kann mich auch ereifern, oh ja. Auch wenn ich repetitiv in Gefühlen geschwappt werde, ha, gerade dann. Weißt du, was ich glaube, es geht dir nicht um mich, sonst könntest du einmal kurz mit mir Gefühle benennen, so und so und dann bitte, bitte einmal andächtig nicken, und dann aber auch Schluss. Immer das ewige Bohren nach Gründen, Zersetzung der Gefühle, die Hoffnung, noch logisches Kapital daraus schlagen zu können, es geht dir doch nur um die Herrschaft. Die willst du arrogant und laut einfordern, du willst keine Herzklappen tolerieren, nee, Hierarchie, mein Lieber, es geht um deine zerebralen Kapriolen und nicht darum, wie ich mich in Einklang hier draußen bewege, denkst du, ich merke das nicht. Und - nenn' du mich ja nicht unfähig. Ich warne dich. Ich bändige dich den Umständen angemessen schon sehr gut, das soll mir mal jemand nachmachen, ich bin damit so gut beschäftigt, dass du dich nicht wundern musst, dass ich keine Nobelpreisträchtige Doktorarbeit aus den Poren schüttele. Dass ich Schlüssel verliere, immer und immer wieder und dann zu überlegen habe, woher ich das neue Schloss nehme, das ich präventiv in die Tür einbauen muss. Dass der Sattel, auf dem ich sitze, erst rostet und dann als eine Gewissheit unerwartet durchbricht und ich das ganze Rad schon wieder zur Reparatur trage, dass ich mich nachts in der bekannten Stadt verlaufe, niemals zur richtigen Zeit aufgeladene Akkus habe und hin und wieder Lähmungen wie einen halben Hausstand mit mir herumschleppe; ist Energieverschwendung, ja klar, aber – weil ich‘s eben kann! Ach.
Mach doch alleine.

Ingrid stand am Ufer und kniff kurz die Augen zusammen, bevor der Eiswind ihr daraus Sturzbäche entlocken konnte. Nicht zerfahren, bloß nicht zerfahren sein, würde das Mantra lauten und äußerlich sortiert würde sie mit warmem, unpersönlichem Lächeln und kaschierten Augenringen dastehen. Besser Unsinn sagen, als nichts, denn wer was sagt, der denkt. Sie konnte es sich ja auch nicht leisten, ihr cholerisches und narzisstisches Gehirn auch noch zu feuern.

Ach, sagte die linke Herzklappe, ich habe solche Sehnsucht. Meine Liebe, erwiderte ihr Zwilling auf der rechten Seite, ich freue mich einfach, dass wir hier sind.
22.1.18 22:25
 

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