Pausen sind wichtig, hatte sie gesagt. Sie hatte Ingrid dabei ermunternd angeblickt. Ingrid hatte ihr gegenüber gesessen, hatte hin und wieder den Raum gemustert. Es gab noch eine Grünpflanze, eine einzige, ein niedriges Bücherregal mit Büchern, deren Einbände alle einfarbig gehalten waren, einen kleinen Schreibtisch zu Ingrids Rechten, daneben ein Fenster, dessen weiße Vorhänge zurückgezogen waren. Es hatte keine Fensterbank und gab den Blick auf das Nachbarhaus frei. Im Haus auf der anderen Seite der Straße lebten Menschen, die Ingrid selten zu Gesicht bekommen hatte. Zwei der Wohnungen besaßen auf der Höhe, in der sie sich befanden, jeweils eine Dachterrasse. Am Morgen ließen sich manchmal Tauben auf deren Balustraden nieder. Hin und wieder zeigte sich eine Person, die draußen die spärlichen Topfblumen goss. Das Zimmer selbst war eher schmal. Die Wände weiß und nicht an allen Stellen sauber gestrichen.

Ingrid hatte genickt und den Blick erwidert, so sehr war sie nicht abgeschweift. Ja, vielleicht stimmt das, hatte sie gesagt, vielleicht ist das richtig und ich habe in sehr sehr langer Zeit gar keine Pause gemacht. Auch, wenn ich es nicht gemerkt habe, auch, wenn es mir eher scheint, als sei das Gegenteil der Fall. Vielleicht weiß ich eigentlich nicht, was das ist, eine Pause. Pausen sind vermutlich Räume, in denen man sich nicht mit etwas ablenkt, das einem das Pausieren verwehrt. Das ist nicht gerade meine Stärke. In Pausen beginnt man noch nichts Neues, jedenfalls nicht ohne weiteres.
Ist das so, hatte Ingrid gedacht. Du meine Güte, ich habe nicht die leiseste Ahnung. Ich habe nur Furcht, dass eine Pause die Leere zwischen zwei spannenden Unterrichtsstunden ist. Und ich habe Angst, dass ich mich darin bisher immer geirrt und all die guten Pausenzeiten niemals genutzt habe. Aber das, dachte sie, kann man nun wahrlich nicht rückgängig machen, ich habe immerhin mein Bestes gegeben. Ich habe ja nur nicht abwarten wollen, ich hab mich einfach immer so auf das Danach gefreut.
Ingrid hatte am Bücherregal vorbei zum Fußabtreter geblickt und auf einmal war ihr sehr leicht geworden. Sie hatte gewusst, dass eine Pause in diesem Raum schlicht unmöglich war. Ihr war sehr warm am Herzen geworden, und das waren zur Abwechslung keinesfalls Eruptionen am offenen Herzen gewesen.
Es hatte plötzlich Tränen aus ihren Augen gegeben und während sie nickte, hatte sie gelächelt. Sie hatte sich Salz und Rotz von den Lippen gewischt und sanft und deutlich gesagt: Ich möchte eigentlich lieber nichts mehr erzählen, und das wollte ich so gerne sagen.
Viel später durchquerte sie im Morgennebel die Stadt. Das Licht war trotzdem ganz hell und die Kälte gut, besonders wenn man Handschuhe trug. Auf den Dächern der Stadt sah sie an diesem Morgen gleich zweimal Figuren, die sie zu kennen glaubte. Wenn Ingrid dann nicht anders konnte, als drei, vier, fünfmal hochzublicken, wandten sich die Umrisse irgendwann um und entpuppten sich so jedes Mal als professionelle Dachdecker. Dies geschah Ingrid den gesamten Tag über und nicht immer handelte es sich bei den aufgetauchten Täuschungen um das identische Haus. Ingrid musste lachen und schüttelte auf dem Heimweg beim Vorbeifahren den Kopf. Das war der Tag, der sich teilweise auf den Dächern abspielte.
Vieles, was man in Pausen macht, ist neu, alles hat mit dem Davor zu tun, denn Pausieren ist zum Abschließen da; manchmal beginnt dort auch etwas, ja warum denn nicht. Ingrid prostete dem Abend zu, Leere fühlte sie ganz und gar nicht.
30.11.17 00:30
 

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