Sie brauchte nicht lange,um festzustellen, dass das Tageslicht ihr fehlte. Tag für Tag fuhr sie Strecken monotoner Emsigkeit, die Emsigkeit war dabei bei den Menschen, die von Punkt A zu Punkt B gelangen wollten, draußen zwischen den Bahnhöfen umher wuselten und drinnen Schokoriegelkrümel auf den Sitzen verloren, die Monotonie war bei ihr. Sie saß auf einem mit Schaumstoff gepolsterten Plastiksessel, der zudem gefedert war und auf- und abhüpfte. Dabei lenkte sie die Lok gelenkig durch die schmalen Tunnel, umgeben von Backsteinen, die wie eine raue Landschaft vorbei flogen – nur ohne Landschaft. Die Lok zog die gelben Waggons hinter sich her, Ingrid kam es jedoch so vor,als sei sie selbst es, die zog; acht Waggons aus Eisen und Stahl hingen an ihren Armen, wie eine überdimensionierte Entenfamilie, während sie vornweg stapfte und die schnatternde Herde durch die Dunkelheit führte.
Sie drehten Kreise auf dem Schienennetz,sie fuhren eine Vertikale von oben und dann von unten wieder hinauf. Ingrid schaute morgens in ein kleines blassgelbes Heftchen aus billigem Papier, um nachzulesen, für welche Strecken man sie heute eingeteilt hatte und dann begann sie, mit ihren Zügen die vorgezeichnete Form nachzufahren, bis sich am Abend, nach dutzendfacher Wiederholung, ein Abdruck des Weges unter die Erde gedrückt haben musste, so jedenfalls kam es ihr vor. In Kreisen vorankommen, Angst haben, nicht den Punkt abzupassen, an dem die Kreise zu Spiralen werden.
Ingrid mochte den gefederten Stuhl, ihr gefiel sogar das Gefühl, das sie hatte, wenn sie sich vorstellte, sie lotste mit aller Kraft eine emsige Entenmenge durch die Welt. Was ihr allerdings nicht gefiel, war die Dunkelheit. Die Dunkelheit brannte schwarze Flecken in ihren Kopf, die sich bis in ihr Herz ausbreiten konnten, wenn der Tag lang wurde und das künstliche Licht malte grüne Ringe unter ihre Augen. Deshalb kündigte Ingrid zum Ersten des Monats.

Am Morgen stand sie zeitig auf. Die Straßen lagen noch im Nebel und als die Sonne ein paar spärliche Strahlen schickte, brachen sie sich darin. Ein warmer Schleier waberte zwischen den Häusern umher. Der Fluss, der an dieser Stelle der Stadt bloß ein kleines Rinnsal war, gluckste in der kalten Luft und auch über ihm standen Dunstwolken; es schien aus ihm zu dampfen, als habe Ingrid einen isländischen Geysir entdeckt.
Sie trug keinen Helm, hatte darauf verzichtet. Es stimmte zwar und wie erwartet prasselten die Herbstfrüchte von den Bäumen und mehrfach traf sie eine Kastanie auf den Kopf, fiel eine Eichel vor ihre Füße,sodass sie stolperte. Es war tatsächlich so, dass der Weg Umsicht erforderte und manchmal schmerzte der Aufprall auch ein bisschen. Sie überlebte allerdings, das merkte sie, je weiter sie an diesem Morgen spazierte und es tat gut, den Wind auf der Kopfhaut zu spüren. Ein Helm hätte all das verhindert. Als sie heute aufgewacht war, war ihr klar gewesen, dass es noch etwas zu erledigen gab. Und so steckte das kleine Paket in ihrer Jackentasche, sie ertastete das Backpapier, das sie drumherum gewickelt hatte, es war rau,als sie mit den Fingerkuppen darüber fuhr. Der Briefkasten, den sie ansteuerte, lag am anderen Ende des Viertels und Ingrid lief den Weg beschwingt, aufmerksam, bewusst und kaum zögernd. Sie bog ab, ließ den Fluss hinter sich fallen, kam an dem kleinen Marktplatz vorbei, auf dem mehrere Leute auf Leitern standen, um Lichterketten zwischen die Kastanien zu hängen. Das Restaurant, das im Morgenlicht verschlafen daneben stand, war noch geschlossen. Auf der Speisekarte,die im großen Guckkasten direkt neben dem Eingang platziert war, las sie „Ragout vom Kaninchen“. Pasta alla Puttanesca, Tagessuppe. Im Vorbeigehen erhaschte sie einen Blick auf die weißen Tischdecken hinter den Fenstern. Eine Frau,die ein geblümtes Tuch um den Kopf geschlungen hatte, stand mit einem Staubsauger in der Mitte des Raums. Ingrid sah alles das im Vorbeigehen, sie erinnerte sich, dass sie einmal an dort drinnen gesessen hatte, sie dachte an den Winter, an vom Wind steife Finger, an ein warmes Heizungsrohr, an denen die Finger schließlich aufgetaut waren, während sie ein Päckchen ausgepackt und das darin eingewickelte Geschenk entdeckt hatte. Wollstrümpfe, die unter einem Jeanssaum zum Vorschein gekommen waren und an Gespräche,in denen ein deutscher Schäferhund vorgekommen war. Es gab Hundemenschen und solche, die Katzen mehr mochten. Sie gehörte zu letzteren.Sie dachte an Frühsommer, an Bier und Zigaretten neben Leuten, die Tischfußball spielten, ihr fiel ein, dass es Gesprächspausen gegeben hatte, die sich schwer hatten füllen lassen, Pausen, in denen etwas gefehlt hatte. Sie ließ den Platz hinter sich.
Ingrid erreichte den Briefkasten, der sie seit dem Erwachen wie magisch angezogen hatte. Für einen Augenblick hatte sie nicht den geringsten Zweifel. Sie suchte die Zeilen mit den verschiedenen Namen ab, fand den richtigen und ließ das Päckchen in den Schlitz fallen, bevor sie den dumpfen Aufprall hörte. Noch eine kurze Weile stand sie davor, mit leeren Händen im Morgennebel, schaute die Straße hinab und zu den Fenstern hinauf, dann drehte sie sich um und ging fort.
Später wurde sie traurig.
Noch später schwand die Traurigkeit ein Stück mehr. Schmolz davon oder kondensierte in den Nebel, der über dem Fluss empor stieg.

Danach am Tag fand sie dann ein Haus, ein Grundstück mit einem Vorgarten. Sie entdeckte darin Kürbisbeete. Die Stufen der Vordertreppe waren alt und ausgetreten. Sie hatte eine irre gute Idee. Doch das –
ist eine andere Geschichte.
30.11.18 18:26


30.11.18 16:21


29.9.18 20:24


Nach ihrer Reise in die Berge war alles sehr schnell gegangen und Ingrid hatte einen Job als Untergrundbahnfahrerin angetreten. Es war dies weder geplant noch sonderlich gewünscht von ihr gewesen, wenngleich sie zunächst auch überhaupt nicht sagen konnte,ob sie gegen diese Art, einen Großteil des Tages, manchmal auch der Nacht, zu verbringen eine direkte Abneigung empfand oder nicht. So oder so hatte sie sich der Entscheidung gebeugt, die aus einer akuten Not der Stadtverwaltung Marseille erwachsen war. Aufgrund zahlreicher und hartnäckiger Krankheitsfälle sowie ein paar knallharter Kündigungen war es dort nämlich zu lästigen Ausfällen langjähriger Mitarbeiter gekommen. Die Situation war akut geworden, so akut, dass der öffentliche Nahverkehr beängstigende Lücken aufwies und man mangels Transportmöglichkeiten bereits Überlegungen anstellte, ob es nicht vielleicht einfacher für alle Beteiligten sei, die Stadt zum Ende des Altweibersommers vorsichtshalber gleich aufzulösen und eventuell gleich in eine europäische Großstadt der Wahl einzugemeinden. Zeitungen veröffentlichten Schlagzeilen, die mit satten Zahlen belegen sollten, dass die Menschen ihr Geld zunehmend und sehr einseitig in Wanderequipment steckten. Das schien nicht weiter verwunderlich, da ein Großteil der Bevölkerung sich nun morgens die Aktentaschen,Arztkittel oder Malerpinsel unter den Arm klemmte und gegen vier Uhr erst einmal zu einem etwa dreistündigen Marsch von Nord nach Süd, Ost nach West, von oben nach unten, recht nach links, von den abgelegensten Neubausiedlungen hin zu den renommiertesten Bürogebäuden und eben vice versa am Abend aufbrach. Die Sportmediziner jubilierten zwar und auch die Bergbekleidungsausstatter vergossen Freudentränen, doch der restliche Einzelhandel reagierte gemäßigt bis schockiert und vorsichtshalber erstmal depressiv. Und als die ersten Bürger dann schon freiwillig begannen, ihre Computer eigenhändig aus dem Fenster zu werfen, mit der Begründung, sie hätten dafür überhaupt keine Verwendung mehr, ihnen ginge das Geflimmer tierisch auf die Nerven und sie seien dazu übergegangen, den Bildschirm allenfalls dekorativ zuzuhäkeln, lieber aber würden sie in Kneipp-Bad-Gutscheine investieren, war man alarmiert gewesen und hatte die Reißleine gezogen.

Ingrid hatte davon nichts mitbekommen, der öffentliche Nahverkehr war ihr vollkommen schnuppe. Sie hatte erst im Nachhinein und viel zu spät von der Notsituation erfahren. Als sie zurückkam, teilte man ihr in einem amtlichen Brief mit, dass man um ihre Leidenschaft für öffentliche Transportmittel wisse, ein Beruf in der Branche, das sei doch ein heimlicher Wunschtraum von ihr! Damit wolle man ihr, das räume man allerdings ein, offen gestanden aber auch nur Honig um den Mund schmieren, während ihr keine Wahl gegeben sei. Sie müsse nun nämlich ihrer Bürgerpflicht nachkommen und sich nützlich machen, sie habe sich, ob sie wolle oder nicht, bereits morgen zum Dienst zu melden. Sie argumentierten dann noch, dass das doch auch sehr gut zu ihrem ursprünglichen Beruf als Schäferin passe, gewissermaßen kutschiere sie dann einfach ihre Schäfchen durch die Gegend, haha.
Der Brief war auf taubengrauem Papier gedruckt gewesen und hatte ein hässliches gestempeltes Wappen getragen. Ingrid hatte ihn in ihrem Briefkasten gefunden, vor dem sie wie in Trance Halt gemacht hatte, an dem Abend als sie aus den Bergen zurückkehrte.
In ihrem Kopf hatte vorher schon ein Lagerfeuer gezüngelt, das sich den ganzen Weg über an vielen Gedanken und mehreren Szenarien aus Ingrids jüngster Erinnerung genährt hatte und nach dem Öffnen der Post breitete sich das Lodern dann in den ganzen Körper aus. Die leichte Lähmung,die sie dazu verspürte, sorgte für ein sehr seltsames und wenig angenehmes Empfinden: ein in Watte gepacktes Lagerfeuer. Vielleicht am Ende ein kleines bisschen schüttelfröstig. So in etwa fühlte sich Ingrid, die norwegische Schäferin in Umschulung.

Auf dem Hügel hatten der Schüttelfrost und sie sich gegenüber gestanden. Die zerknüllte Zeitung vor seinen Füßen, das Taschenmesser, das er verschreckt in seine Hosentasche hatte verschwinden lassen, das Holzfällerhemd, das seine missmutige Gebirgsgarderobe darstellte; der Rucksack, den sie sicher auf dem Rücken trug, die Spätmorgensonne, die zutraulich auf ihrem Nasenrücken saß, der Wind, der mutig ihr Haar kräuselte.
Das Gespräch dauerte nicht lange.
Der Schüttelfrost zeigte sich darin zutiefst verstimmt über die offensichtliche Realität, dernach Ingrid mit einem gepackten Rucksack zu ihm hinauf geklettert war und nun, in logischer Konsequenz, ganz real und leicht verschwitzt vor ihm stand. Er bestritt, i seinerzeit Postkarten mit seiner Adresse an sie verschickt zu haben, wobei ein bisschen unklar blieb, ob diese Ablehnung aus Scheu oder aber aus Ärger erwuchs.
Zerstreut lächelnd insistierte er, dass sie sich eine Einladung seinerseits zusammenfabuliert haben müsste, das tue ihm leid, aber, fügte er entschuldigend hinzu, sie würden sich ja so gesehen auch wirklich kaum kennen, sodass Missverständnisse natürlich vorprogrammiert seien.
Ingrid spürte eine feine Ader unter ihrem Auge,es fühlte sich an, als springe das dort fließende Blut wie ein Flohzirkus auf und ab.
Während das Flohblut in ihrem Körper zirkulierte, sagte Ingrid asketische, doch wichtige Sätze, komprimiert in der Anzahl und wohl ausgesucht. So war das einzige, das der Schüttelfrost noch von ihr hörte, die wahre Geschichte ihres Kennenlernens vor vielen Jahren, in einer von Herbstfarben triefenden Stadt, in einer beinahe ausgestorbenen Wohnung, einer Insel inmitten der Zivilisation.
Ingrid intonierte die Sätze wie eine Gutenachtgeschichte, die man Kindern vorträgt, immer und immer wieder, damit sie sie begreifen, sich erinnern, und irgendwann wissen, dass die Geschichte immer schon ein Teil von ihnen war.
Dann verstummte Ingrid, drehte sich um, und stieg vom Berg ab.

Nun fielen überreife Kastanien und Eicheln verfrüht von immer noch grünen Bäumen. Es waren so viele und sie fielen derart ohne Unterlass, das war so laut, dass es manchmal klang, als bröckelten sämtliche Hausfassaden schamlos und ohne, dass man etwas unternehmen könne. Als bräche die Stadt schleichend und doch rasant in sich zusammen, und nichts konnte man tun, als sich im Zickzack durch die Trümmerchen zu schlängeln. Ingrid fand, es grenze fast an ein Wunder, dass sie bislang nicht schlimm getroffen worden war. Dennoch überlegte sie, ob es nicht vielleicht angebracht sei, auf dem Weg zum Bäcker bereits einen Helm zu tragen, einfach, um nicht verletzt zu werden.
20.9.18 23:36


30.7.18 10:33


Als sie den letzten Hügelkamm erklommen hat, sieht sie sofort eine bekannte Gestalt. Sie könnte hastig auf ihn zu rennen,doch für einen Moment beschließt sie, noch im Verborgenen zu bleiben, weicht hinter eine dürre Kiefer zurück und besieht sich das Bild, das sich ihr bietet.
Der Schüttelfrost sitzt dort mit geradem Rücken auf einem niedrigen Schemel, der auf eine kleine Ebene gezerrt wurde. Dahinter lenkt der schmale Eingang in den Felsen den Blick, Ingrid kann ein schummriges Höhleninneres erahnen.
Vereinzelte Sonnenstrahlen fallen von Osten auf diese improvisierte Terrasse, die er – daran besteht kein Zweifel – sich hier eingerichtet hat. Die Strahlen streifen den linken Oberarm des Schüttelfrosts, bleiben auf seinem Gesicht liegen, lassen sein Haar ungewöhnlich golden leuchten. In Wahrheit scheint das Haar des Schüttelfrosts in der Morgensonne zu glühen, grazile Flammen sprudeln um seinen Kopf herum und lassen seine Haarfarbe in einem Dutzend Schattierungen changieren. Ingrid ist fasziniert von diesem Wärmeschauspiel, das sich da um den Kopf des Schüttelfrosts ereignet, gebannt von der Schönheit der Farben, aus denen er ganz offensichtlich besteht. Etwas schmilzt in ihr dahin, wie duftendes Harz im Sommer, das aus Kiefernstämmen austritt. Und plötzlich würde sie gerne ewig hier stehenbleiben, nur um die Schattenverläufe dieses Feuerkopfes zu studieren,bloß um darunter die Stirn des Schüttelfrosts zu beobachten, die vom Licht geflutet wird. Wie die Verläufe der Augenbrauen sich darin einfügen, das kann sie von hier aus gar nicht recht erkennen. Das ist allerdings sehr bedauerlich, sie muss sich also ein bisschen näher heranpirschen.
Vom Wachholderstrauch aus sind seine Züge klarer zu sehen. Ingrid geht behutsam in die Knie und richtet sich auf dem Boden ein, der von weichen Nadeln bedeckt wird.
Während sie die Auf- und Abschwünge der zarten Brauen nachvollzieht und zu verstehen beginnt, bemerkt sie jedoch etwas Irritierendes. Die Augen des Schüttelfrosts bleiben keineswegs in genießerischer Hingabe als Zeichen von absoluter Naturverbundenheit geschlossen, so wie sie eigentlich angenommen hatte. Von ihrem Unterstand aus sieht sie ganz deutlich, dass seine Lider unruhig wie Fledermausflügel flattern. Er reißt erst eines, dann das zweite Auge auf, starrt mit gerunzelter Stirn in die Weite. Kaum Zeit bleibt ihr, die Farbschattierungen der Iris zu würdigen, da -noch immer eine Denkerfalte über der Nasenwurzel- schließt er sie bereits wieder. Der Nachdruck,mit dem er dies tut, wirkt ungeduldig, beinahe unzufrieden, als wolle er den Augen befehlen eine Entspannungshaltung einzunehmen, an deren Anspruch sie kläglich scheitern, nicht aber scheitern sollen. Dazu passend fällt ihr das gepresste Durchdrücken des Rücken auf, die Schultern ziehen in Anspannung nach oben, der Brustkorb bäumt sich auf. Alles in einem wirkt es,als befehle er in innerer Zwiesprache mit aller Kraft und nicht frei von Entnervung und Ärger seinem Körper etwas, was dieser jedoch ganz offensichtlich nicht auszuführen vermag.
Wieder werden beide Augen schon nach wenigen Sekunden aufgerissen. Eine Hand greift zu seiner Rechten zum Boden, fischt ein Taschenmesser unter dem Schemel hervor, die andere Hand fördert einen Apfel aus der Hosentasche zutage. In schnellem Tempo beginnt der Schüttelfrost, den Apfel unsauber zu schälen. Ehe er die Aufgabe komplett beendet hat, säbelt er schon ungelenk ein Stück Obst ab, schiebt es sich in den Mund. Wieder der Versuch der geschlossenen Augen. Kauend springt er auf, hastet hinein in den düsteren Höhleneingang, kommt gleich darauf zurück, eine zerknitterte Zeitung unter dem Arm. Kaum dass er sich, mittlerweile wieder auf dem Schemel der Lektüre gewidmet hat, bricht er erneut ab, starrt abermals nach vorne,kneift die Augen zusammen, atmet unter höchster Anstrengung aus, nur um sofort wieder in die Höhe zu schnellen. Der Apfel wird dabei mit einem Fuß ins nicht überblickbare Nichts katapultiert. Der Mensch bleibt schließlich mit hängenden Schultern resigniert stehen, die Augen huschen suchend von links nach rechts.
Der Schüttelfrost befindet sich ganz offenbar in massiver Unruhe. Diese Erkenntnis trifft Ingrid aus ihren Beobachtungen und das verwirrt sie.
Ingrid selbst befindet sich nun in einem Dilemma.
Sie hat sich nunmal entschieden, aus der ersten Eingabe, die Brötchen durch frustrierten Weitwurf zu entsorgen, nicht gleich endgültige Konsequenzen zu ziehen.
Wäre sie maximal konsequent gewesen,sie hätte sich nicht hinter Gestrüpp versteckt. Sie wäre gleich zum Schüttelfrost marschiert, hätte ihn begrüßt, seine genaue Erscheinung bestmöglich ausgeblendet, hätte ein wenig geplaudert (beispielsweise den Sauerampfer erwähnt, vielleicht eine lustige Begegnung aus der Zivilisation), sie hätte die Stirn gerunzelt und so getan, als gäbe es nur sie und ihre Gedanken, welche in diesem Fall allesamt mit Dingen in Verbindung hätten stehen müssen, die das Lebensumfeld des Schüttelfrosts nicht im mindesten beträfen.
Es hätte nicht der Wahrheit entsprochen, aber sie hätte meisterhaft gespielt. Hat sie schon immer so gemacht, war ihr bislang immer gelungen.
Sie allerdings hat sich hinter der Kiefer verborgen.
Mit der Beobachtung des Schüttelfrosts hat sie die Variante gewählt, doch noch einmal abzuwarten, den Versuch gewagt, ernsthaft Indizien über sein Wesen und möglicherweise gar zu seinen Lebenszielen zu sammeln. (Wenn schon, dann steckt Ingrid ihre Ziele gerne hoch).
Natürlich getrieben von der Frage, wie es denn jetzt eigentlich mit den Brötchen stehe; ob es sie sie zu Recht beseitigt habe, oder aber – ob das Gegenteil der Fall sei. Komplett eigennützig natürlich, aber dabei ist ja auch nichts.
Nun allerdings… hat sie mehr gesehen. Um ihre Schlauheit jedoch ist es schlimmer bestellt denn je.
Was tun, fragt sich Ingrid, die norwegische Schäferin.
Mit leeren Händen, nicht einmal mehr ein bisschen Laugenbrezel ist übrig geblieben, hockt sie im Gebüsch. Die Wachholderblätter duften. Auf ihren Rücken ist ihr winziger Rucksack geschnallt, in dem sie alles trägt, was sie in den nächsten Wochen braucht.
Es stellt sich keine geringere Frage, als die, in welcher Haltung sie hier hinausgehen soll.
Noch ehe sie darüber nachgedacht hat, richtet sie sich auf und tritt aus den Zweigen heraus.
1.7.18 23:31


Bei dieser Musik bin ich wieder zweiundneunzig, denkt Ingrid. Sie sagt aber „Siebzehn!“ und sie spürt das Hüpfen im Brustkorb, das sie schon kannte, als sie fünf war.
Sie streicht sich das Haar zurück, das im Wind flattert. Dicke Strähnen, kürzer und dunkler, niemand würde sie an dem Haar der Siebzehnjährigen erkennen, obgleich auch dieses damals sehr wohl ihr gehörte. Rost gebleicht ist es gewesen, Perlen gespickt und zur Pyramide aufgetürmt. Verfremdet gewissermaßen, um nicht dem hellen Schwall an Haaren zu gleichen, den zuvor die Fünfjährige ausgiebig durch den Spiegel betrachtet hatte. Ingrid blinzelt und muss lächeln, sie hatte sich eigentlich eingebildet, das hohe Alter schon erreicht gehabt zu haben, dann und wann davon zurückgekehrt zu sein, warum nur kann sie sich aber nicht an ihre Frisur erinnern. Seltsam, denkt Ingrid. Sollte es am Ende ein Trugschluss sein, sollte ich doch nicht so meta sein, sollte mir noch mehr als ein halbes Jahrhundert bleiben, um den Status grauer Dauerlöckchen zu erreichen?
Ingrid hat gerade Zeit für derartige Gedanken, denn sie befindet sich mit einem leichten Wanderrucksack auf kontinuierlich ansteigendem hügeligen Grund, der schmale Weg schlängelt sich in den Berg hinein, immer wenn sie ein weiteres Plateau erreicht,kann sie aus wachsender Höhe auf eine zunehmend zerklüftete Landschaft blicken. Anders: die Menge an zerklüftetem Vorgebirgsfels nimmt zu, deshalb sieht sie selbstverständlich mehr Zerklüftungen. Alles in allem wird der Anblick allerdings immer sanfter und sanfter, denn zwischen dem Fels sitzt Moos, sehr viel dickes, dunkelgrünes Moos, auf den Felsen wächst Gras, saftig und vital,und je mehr Ingrid den Berg hinaufsteigt,desto mehr sieht sie auch von diesem Gesamtbild. Ein weicher, grüner Samtteppich, ausgebreitet über ruppiges Gestein.
Sie ist auf dem Weg zum Schüttelfrost, sie möchte ihn endlich einmal in seiner so oft besungenen, in Weinstimmungen schwärmerisch beschriebenen Sommerhöhle besuchen. Es ist typisch für ihn, und nicht weiter erstaunlich, dass sie ihn telefonisch nicht hat erreichen können. Am Fuße des Berges ist sie bestimmt eine halbe Stunde mit dem Telefon am Ohr voran getrippelt, das Tuten monoton, doch dauerhaft unbeantwortet, bald schon zu einer angenehmen Marschbegleitung werdend.Es kann sein, dass er dort oben wirklich keinen Empfang hat, dass möglicherweise selbst ihr Telefon davon nichts merkt, kann sein.
Unbeschwert hat sie schließlich aufgelegt, das Telefon in einen Gebirgsbach geworfen und pfeifend ihren Weg fortgesetzt.
Ingrid trägt an ihren Rucksack gebunden eine duftende Brötchentüte. Darin sind Salzbrezeln, Kürbiswecken, Zimtschnecken, und sie weiß, dass sie wahnsinnig gut schmecken.
Ingrid setzt störrisch Fuß vor Fuß, im Ohr trägt sie dieses Lied, der Wind pustet lustig an einer saisonalen Sommersprosse auf ihrer Nase herum.
Fest entschlossen ist sie, dass sie an der Höhle des Schüttelfrosts klopfen wird: sie wird ein bisschen Moos ausbreiten, das ergibt zwei erstklassige Sessel, sie wird lächeln und sagen, wie schön es sei, ihn endlich wiederzusehen. Dass sie gekommen sei, um ihm frische Brötchen zu bringen, dass sie ihn vermisst habe, das Panorama atemberaubend sei und sie die nächsten zwei Tage gemeinsam verbringen könnten. Vielleicht auch drei, was er davon hielte, sie jedenfalls habe Zeit und vielleicht habe er ja sogar darauf gewartet?
Auf einmal, auf halber Strecke, muss Ingrid fürchterlich anfangen zu lachen. Gar nicht mehr aufhören kann sie und weil sie auf einmal die Absurdität in beinahe der ganzen Vollständigkeit begreift, kippt sie alle Gebäckstücke aus der Tüte, schleudert siewie irre ins Tal, diese Eremitenbrötchen.
Weiter geht's. Wird sie halt auf den Seeadler zeigen, ihm kurz zulächeln und sagen, sie werde dann solange mal auf Bärenjagd gehen.
19.6.18 21:09


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