Bei dieser Musik bin ich wieder zweiundneunzig, denkt Ingrid. Sie sagt aber „Siebzehn!“ und sie spürt das Hüpfen im Brustkorb, das sie schon kannte, als sie fünf war.
Sie streicht sich das Haar zurück, das im Wind flattert. Dicke Strähnen, kürzer und dunkler, niemand würde sie an dem Haar der Siebzehnjährigen erkennen, obgleich auch dieses damals sehr wohl ihr gehörte. Rost gebleicht ist es gewesen, Perlen gespickt und zur Pyramide aufgetürmt. Verfremdet gewissermaßen, um nicht dem hellen Schwall an Haaren zu gleichen, den zuvor die Fünfjährige ausgiebig durch den Spiegel betrachtet hatte. Ingrid blinzelt und muss lächeln, sie hatte sich eigentlich eingebildet, das hohe Alter schon erreicht gehabt zu haben, dann und wann davon zurückgekehrt zu sein, warum nur kann sie sich aber nicht an ihre Frisur erinnern. Seltsam, denkt Ingrid. Sollte es am Ende ein Trugschluss sein, sollte ich doch nicht so meta sein, sollte mir noch mehr als ein halbes Jahrhundert bleiben, um den Status grauer Dauerlöckchen zu erreichen?
Ingrid hat gerade Zeit für derartige Gedanken, denn sie befindet sich mit einem leichten Wanderrucksack auf kontinuierlich ansteigendem hügeligen Grund, der schmale Weg schlängelt sich in den Berg hinein, immer wenn sie ein weiteres Plateau erreicht,kann sie aus wachsender Höhe auf eine zunehmend zerklüftete Landschaft blicken. Anders: die Menge an zerklüftetem Vorgebirgsfels nimmt zu, deshalb sieht sie selbstverständlich mehr Zerklüftungen. Alles in allem wird der Anblick allerdings immer sanfter und sanfter, denn zwischen dem Fels sitzt Moos, sehr viel dickes, dunkelgrünes Moos, auf den Felsen wächst Gras, saftig und vital,und je mehr Ingrid den Berg hinaufsteigt,desto mehr sieht sie auch von diesem Gesamtbild. Ein weicher, grüner Samtteppich, ausgebreitet über ruppiges Gestein.
Sie ist auf dem Weg zum Schüttelfrost, sie möchte ihn endlich einmal in seiner so oft besungenen, in Weinstimmungen schwärmerisch beschriebenen Sommerhöhle besuchen. Es ist typisch für ihn, und nicht weiter erstaunlich, dass sie ihn telefonisch nicht hat erreichen können. Am Fuße des Berges ist sie bestimmt eine halbe Stunde mit dem Telefon am Ohr voran getrippelt, das Tuten monoton, doch dauerhaft unbeantwortet, bald schon zu einer angenehmen Marschbegleitung werdend.Es kann sein, dass er dort oben wirklich keinen Empfang hat, dass möglicherweise selbst ihr Telefon davon nichts merkt, kann sein.
Unbeschwert hat sie schließlich aufgelegt, das Telefon in einen Gebirgsbach geworfen und pfeifend ihren Weg fortgesetzt.
Ingrid trägt an ihren Rucksack gebunden eine duftende Brötchentüte. Darin sind Salzbrezeln, Kürbiswecken, Zimtschnecken, und sie weiß, dass sie wahnsinnig gut schmecken.
Ingrid setzt störrisch Fuß vor Fuß, im Ohr trägt sie dieses Lied, der Wind pustet lustig an einer saisonalen Sommersprosse auf ihrer Nase herum.
Fest entschlossen ist sie, dass sie an der Höhle des Schüttelfrosts klopfen wird: sie wird ein bisschen Moos ausbreiten, das ergibt zwei erstklassige Sessel, sie wird lächeln und sagen, wie schön es sei, ihn endlich wiederzusehen. Dass sie gekommen sei, um ihm frische Brötchen zu bringen, dass sie ihn vermisst habe und dass das Panorama atemberaubend sei.
Auf einmal, auf halber Strecke, muss Ingrid fürchterlich anfangen zu lachen. Gar nicht mehr aufhören kann sie und vor Übermut fischt sie eines der Gebäckstücke aus der Tüte, schleudert es wie irre ins Tal, dieses Eremitenbrötchen. Weiter geht's.
19.6.18 21:09


Ingrid rückt den Stuhl zurück, steht auf. Die Fensterscheibe vibriert im Rahmen, das liegt an den knarrenden Dielen, die jede Verlagerung von Gewicht auf ihnen sorgfältig detektieren und weiterleiten. Läuft man auf den Dielen, scheint sich auch das Zimmer zu bewegen. Jeder Schritt wird an das gesamte Gebäude übertragen. Das Haus wankt wirklich ganz sacht in seinen Angeln, sodass keine Regung unbemerkt bleiben kann. Es könnte manchmal beunruhigend wirken, weil einem doch klar wird, wie nah jede Bewegung an das Fundament herantritt. Aber wiederum - was soll daran schon bedrohlich sein – das Haus stürzt ja eben nicht ein. Es schwingt im Takt mit; wartet auf die Angabe des Rhythmus, hofft geradezu darauf, dass mal ein Beat bleibt. Ein verlässlicher, andauernder. Ein solider, federnder, hin und wieder Wechsel zum Offbeat. Bitte. Das Haus ist nicht baufällig, es wartet in Wahrheit darauf, zu tanzen.
Ingrid steht im Raum, sie ist aufgestanden. Es gibt Schatten aus Grün und Gelb, sie fallen von draußen durch die klappernde Öffnung zwischen den bröckelnden Fensterrahmen., sie sind gemütlich, man kann sich in ihnen verstecken, so wie Vogeljunge sich in ihrem Nest verbergen können. Ingrid dreht sich um die eigene Achse, sie dreht den Gedanken nach. Die Gedanken sind klar und abwechslungsreich, es sind sehr viele und sie alle haben ihre Eigenarten. Sie sprechen mit verschiedenen Stimmen, klare, schöne Stimmen sind das, die eine breite Palette an Charakterfiguren abdecken. Es gibt die sonore Gedanken, die souverän ihr Anliegen erzählen, die ihre Bitten und Forderungen eloquent ausdrücken; mutige Stimmen, immer mit einem gewissen Charme versteht sich. Die verträumten, leicht zerfahren wirkenden, die jede Begegnung jedoch meisterhaft analysieren und in Herzregungen subsummieren können. Ähnlich wie die tiefen Wasser, die wortkargen und dabei so pointierten, die fokussierten, die sich eben nur auf ein Leitthema konzentrieren. Die niemals, nein, NIEMALS ein wichtiges Gespräch versäumen. Selbst wenn die Zeit schon zu schnell voran geflossen scheint und behaupten will, manche Unterhaltungen seien nun eben schon verjährt – also, wirklich, hoffnungslos verpasst, basta und aus– diese Stimmen rufen inbrünstig NEIN, schnappen sich zielsicher das jeweilige Gegenüber, versenken sich wassertief in es und erflüstern grundehrlich und in den bildhaftesten Sätzen, was da eben noch gefehlt hat gesagt worden zu sein.
Die ernsten, die konsequenten, die weichen, die zähen.
Daneben tummeln sich die komischen, gewitzten, die sirrenden und summenden, die für alles eine leichte Schulter übrig haben: die spielerisch singenden Alti, Sopani, Tenöre, ja, selbst Bässe finden ihren Platz. Ein Witzchen hier, ein Lachen dort, die Humorsolisten sind sehr wichtig für die Klangfarbe.
Ingrid kennt die Stimmen und sie vertraut ihnen. Sie hat Vertrauen in sie, weil sie klar sind, klug, aufmerksam, verlässlich.
Es sind allerdings viele, und oft fallen sie einander ins Wort. Ingrid fällt dann die Aufgabe zu, sie allesamt zu verstehen, sie muss besonders gut hinhören, um sie alle zu verstehen. Und obwohl sie dies sehr gut beherrscht, müssen oft kleine Pausen entstehen, immer dann nämlich, wenn sich die Stimmen gegenseitig vor Eifer oder Präzision anrempeln und beispielsweise drei knappe Soloäußerungen in einen sinnhaften einzigen Satz gepackt werden müssen. Es tritt eine kleine Verzögerung ein. Das heißt es, wenn Ingrid den Gedanken nachdrehen muss. Genau dieses Nachdrehen erklärt, warum Ingrid, die an und für sich so pünktlich und klar im Takt wäre, immer ein wenig verspätet ist, warum sie oft mittendrin im Satz stockt, sobald sie selbst den Mund öffnet. Ingrid orchestriert einen kleinen inneren Kammerchor und ist angewiesen auf sehr geduldige Zuhörer. Und nicht immer hat sie Lust, diese Geduld von den Zuhörern einzufordern. Nicht selten bringt sie ihren Satz nicht zu Ende, weil sie die gerunzelten Stirnen der Leute sieht und plötzlich nicht mehr weiß, warum sie Übersetzungsarbeit leisten sollte für eine klare Melodie, die sie ja immerhin kennt. Die Leute könnten auch mal mehr Musik hören, findet sie. Weniger die Stirn runzeln oder einfach naturgegeben etwas mehr Geduld mitbringen.
Manchmal gibt Ingrid auf. Manchmal bleibt Ingrid stumm. Manchmal verzweifelt Ingrid an ihrem Erstummen. Manchmal nimmt sie sich vor, den perfekten und lebensreifen Text einer besonders geschätzten Stimme mitzustenografieren. Sie macht das dann auch, na klar, sie hat ja Durchhaltevermögen! Und sie schätzt sehr manche der inneren Formulierungen. Will ihnen ja auch gerne Raum geben, sie zur Aufführung bringen, sie in dieses wilde und gefährliche Draußen entlassen, nicht umsonst helfen und beraten sie sich ja auch einander in ständiger Korrespondenz. Entlassen mit der nötigen Warnung zur Behutsamkeit natürlich, einer kurzen Sicherheits- und Brutalitätsbelehrung, vielleicht. Ingrid selbst macht das ja nichts aus, also Sicherheitslücken und Realität und all das, bloß die Stimmen, die sind einfach zum Teil viel zu dünnhäutig und weltfern, ist ja kein Wunder, so wie die in ihrem kleinen Mikrokosmos großgeworden sind. Nein, dass die diese Unterrichtung brauchen, das ist schon klar.
Nur -
dann ist es leider oft so, dass sich der Zeitpunkt einfach nicht bietet.
Ingrid ist dann sehr klar, und hat die sehr klaren und genau richtigen Worte in Steno hinter den Lippen auf der Zunge, trägt sie dort und balanciert sie ganz leicht wie ein besonders starkes und gutes Pfefferminzbonbon, jede Sekunde bereit, den Mund zu öffnen und sie wie eine duftende Pfefferminzbonbonwolke entweichen zu lassen.
Aber -
dann passt etwas nicht. Dann stimmt etwas nicht. Dann sagt der andere was und sind alle schönen Worte umsonst gesammelt, alle klaren Wahrheiten liegen bereit, doch sind vergeudet. Ingrid verzweifelt daran, denn sie hat dann versagt, hat den Moment verpasst, den Mund trotzdem zu öffnen.

Ingrid steigt nun auf den Stuhl, um die große Ledertasche vom Schrank zu nehmen. Es ist eine schöne Tasche und sie mustert eine Stuhlsitzhöhe entfernt vom Boden aus das schöne Zimmer. Es ist weißer als zuvor und es ist stiller als früher. Viel ist irgendwo verstaut worden, viel hat dieses Zimmer betreten und verlassen. Mäuse, Pflanzen, Schüttelfröste, Objekte, Menschen. Ingrid vergisst sie nicht, doch sie hat sie ziehen lassen, sie versucht, die Leerstellen zu sehen und Leerstellen sein zu lassen. Nicht immer klappt das, nicht immer problemlos. Die Tasche, die Ingrid nun mitnimmt, von da oben zum Boden hinunter, hat einen Reißverschluss, der ein wenig kaputt ist. Er schließt nicht, der Reißverschluss, doch das ist gut. Ingrid steigt vom Stuhl und kniet sich neben die Tasche. Sorgfältig setzt sie die Stimmen hinein in die Tasche, behutsam und energisch. Die Stimmen haben damit kein Problem, sie riechen den pfefferminzigen Geruch im Inneren der Tasche und sie murmeln, scheinen angenehm aufgeregt über den Ortswechsel.
Als Ingrid alle Stimmen verstaut hat, schultert sie die Tasche, sodass ein leichter Lufthauch hineinwehen muss. Ingrid verlässt mit der Tasche über der Schulter das Haus, entschlossen, die Tasche auszupacken und die Stimmen selbst für sich sprechen zu lassen.
6.5.18 22:58


8.4.18 22:08


16.3.18 21:31


3.3.18 01:39


Ingrid, sich eben noch in einem eindeutigen und ungewöhnlich klaren Zustand von Aufbruch und Tiefenentspannung befindend, wird gleich zu Beginn der Fortsetzung überraschend und doch vorhersehbar ausgebremst: Diesmal ist es der Traum, der seine Macht entfaltet und mal erfrischend ehrlich, mal ironisch oder gar trügerisch daherkommt.
Tatsächlich versteckte er sich bereits in der Schlussszene von Teil 2 -fröhlich und herzlich winkend unter Ingrids Freunde gemischt- und stellte damit, hätte man ihn bemerkt, einen raffinierten Cliffhanger dar. (Erneut deutet sich also die Schwäche des Epos an, den Zuschauer hinreichend deutlich durch die Handlung zu führen.)
Die darstellerische Leistung der Traumfigur in ihrem großen Facettenreichtum ist jedoch unbedingt hervorzuheben. Zweifelsohne wurde mit dem hier zu bestaunenden, bis dato völlig unbekannten sardischen Jungschauspieler ein Talent entdeckt. Die schiere Sogkraft des Traumes erfährt die Hauptprotagonistin mit voller Wucht. Dies durchaus bemerkend zeigt sie sich anfangs noch ambitioniert, logische Konsequenzen zu ziehen beziehungsweise sich andeutende, potentiell hinderliche Verwicklungen zu unterbinden. Schon bald jedoch unterliegt sie der Macht des charmanten Traumes.
Fortan regelmäßig zwischen beiden Welten wechselnd, ist es vor allem die jeweils unterschiedliche Gesetzmäßigkeit der Abläufe in beiden Umfeldern, die ihr beginnt, zuzusetzen. Eine sich anbahnende Überforderung wird von ihr jedoch umsichtig durch den Schachzug der totalen Ortsansässigkeit im Wachleben begrenzt. Bravo dafür!

Die einst so flüchtige Ingrid schlägt so tiefe Wurzeln, was in erster Linie eine bedeutsame Entwicklung der Figur bedeutet. Der Film versucht dies durch eine neue akustische Gestaltung, nämlich durch Zunahme vielschichtiger Musik, zu illustrieren, wogegen die Bildgewalt des Visuellen zu diesem Zeitpunkt des Werkes nicht mehr viel Neues zu bieten hat. Man könnte meinen, dies sei beim Medium Film stets problematisch. Im konkreten Fall jedoch kommt es dafür erfreulicherweise zu einer Intensivierung des Plots – was, angesichts der bisherigen Betonung der Ästhetik, an diesem Punkt ausdrücklich zu begrüßen ist!
Ingrid kommt in Folge ihres plötzlichen Interessenverlustes für Zerstreuung und das Fliehen in sämtliche Richtungen (ja, ihrem kaum wiederzuerkennenden Wunsch nach unbedingter Konzentration) natürlich auch mit den Nebenwirkungen der Sesshaftigkeit in Berührung.
Passagen der hier erzählten Monotonie und empfundenen Abgestumpftheit werden treffend durch ein hoffnungslos wintergraues Szenenbild unterstrichen und sind dadurch mitunter eine wahre Herausforderung auch für den halbwegs lebenswilligen Zuschauer. Abermals genial in puncto fließende Grenzen.

Da sie jedoch, wie sie selbst in trotzigen Zwiegesprächen mit sich selbst bekräftigt, „gekommen ist, um zu bleiben“, beschließt unsere Hauptfigur erstens, sich voll und ganz dem wohlbekannten Repertoire aus Nebenfiguren zuzuwenden, und – zweitens- den Zustand der einst übertünchten Wände zu ändern. Die neu entstehenden Memoiren auf weiß Übermaltem mögen so einerseits erfolgreich einer zu sterilen und gleichbleibenden Umgebung entgegenwirken, wie auch die von Ingrid gefürchtete Entfremdung von sich selbst verhindern. Somit stellt der abermals als Filmelement eingeführte Zeitstrahl aus Graphit jedenfalls eine clevere Verbindung von Neu und Alt, von Vertraut und Unvorhersagbarem, von Erinnerung und Gegenwart dar. Großer konzeptueller Einfallsreichtum.

Tatsächlich entwirft Ingrid, mit neuem Lebenshunger ausgestattet, ein beeindruckendes und maßstabungetreues Modell eines sogenannten traditionellen „Wunderblocks“, auf dem ihr durch geschickte Aufzeichnungen und die entsprechende Mithilfe anderer Personen sowie des symapthischen saudischen Traumdarstellers eine vollkommene Verstrickung in sämtliche Zeitlichkeiten, Tempofragen und Erinnerungen gelingt.
Dies kann ohne Frage als eine Glanzleistung des Ingrid-Charakters betrachtet werden und gehört – durch den Effekt der erweckten Sensationsgier sowie schließlich der belustigten Resignation auf Zuschauerseite fraglos zu einer ersten Klimax im Film.

Es folgt ein entschlossenes Besinnen auf die Gegenwart, was von Ingrid besiegelt wird, indem sie mutig den Wunderblock an den Nagel in der Wand hängt und fröhlich ein kubistisches Einrichtungsobjekt vor selbige stellt. Der Zuschauer erlebt ab diesem Punkt eine Veränderung des Erzählstils, was mit einer weiteren Transformation der Protagonistin einherzugehen scheint. Zumindest ist dies der Eindruck, der sich anhand der poetisch und stark abstrahierten Bildsprache aufdrängt, welche schlagwortartig den weiteren Werdegang Ingrids streift und wenige Details dabei bis zum Erbrechen ausarbeitet. Aber dies ist doch auch schön: die stoische Beharrlichkeit der Protagonistin wird noch einmal deutlich herausgehoben.
Tatsächlich bedient sich der Film einer genialen Raffinesse, indem der sich andeutende Zustand konkrete, puren Glücks und Glitzers selbst nicht erzählt wird, dafür aber viel kryptischer Raum gelassen wird, um entsprechende Projektionen des Zuschauers zu ermöglichen. Es gehört zu einer Meisterleistung der Regiearbeit, dem zarten Inneren Ingrids unglaublich nahe zu kommen, obgleich oder vielleicht auch indem eine äußere Abwendung der Protagonistin gezeigt wird.
Ein nicht unbeachtlicher Teil des Filmes führt ausschließlich mittels verschickter Postkarten-Botschaften der jungen Norwegerin flüchtige Aufnahmen Ingrids in einem uneingeschränkt zufriedenen Zustand an. Hin und wieder lässt uns die Kamera eine Momentaufnahme erhaschen, indem Ingrid auf fremdländischen Kachelöfen versehentlich doch humorvoll ein paar Strümpfe verbrennt, zu Riesenradfahrten überredet wird, sorglose Zugfahrten in der Morgensonne besingt, heimische Fische mit Zitrone verzehrt oder, in fremde Bademäntel gehüllt, schlaflos Grass liest. Die Lichtstimmung zeigt sich hier kontinuierlich warm. Schöne Schatteneffekte.

Es gehört zu der zunehmend berührenden Hinwendung der Dramaturgie, dass im Film anschließend mehrere Dinge miteinander einhergehen. Es sind dies a) ein allmähliches Abkühlen der Lichtstimmung hin zu Blautönen; b) ein allmähliches Rückfokussieren auf die Hauptprotagonistin, und c) ein erkennbares, naives Abmühen selbiger, sich w i r k l i c h zu bemühen.
Umso ergreifender der aufkeimende Zweifel, ob sie nicht in Wahrheit zu unfähig für ein Leben ohne ihren alten Freund, den Schüttelfrost sei. Im Sinne einer eigentlich klugen Methode der Regulierung findet zwar sogar ein leidenschaftlicher Dauerlauf zum Meeressaum statt, der allerdings bedauerlicherweise falsch interpretiert wird (und der Meeressaum als Zielscheibe von Eifersucht kommt danach auf eine schwarze Liste).
Was Ingrid betrifft… Vergiftet vom Hauch eines alten Gedankens und möglicherweise nach wie vor überwältigt von der kompletten Kehrtwende der ausgerufenen Sesshaftigkeit geht plötzlich alles sehr schnell. (Dass das Erzähltempo dennoch im Gegenteil einen schleppenden und bis zur Versteinerung langsamen Eindruck erweckt gehört bestimmt zu einem ausgefuchsten Kunstgriff des Films. Wodurch die Wahrnehmung des Zuschauers zu einem so gänzlich gegenseitigen Urteil fernab der tatsächlichen Begebenheiten gedrängt wird, und,warum dies geschieht, bleibt an dieser Stelle völlig unbeantwortet.)
Während Ingrid am einen Tag noch unwissend hinter einem holländischen Bahnhofsklavier ein Abschiedslied improvisiert, soll sie bereits bald darauf durch einen Unfall tragisch zersplittert im Morast eines ländlichen Grabens landen. Der Hergang des Sturzes bleibt in sich kompliziert verschlungen, schicksalshaft und schwer rekonstruierbar – mit hoher Wahrscheinlichkeit aber ist er selbstverschuldet. Und nämlich so zu erklären, dass unsere Protagonistin wenig behände über sich selbst stolperte, wobei sie jedoch im Glauben war, zuvor eigentlich das (unbeabsichtigt!) hinterhältige Hindernis für eine andere Person gewesen zu sein, worauf diese verunglückt und sich eine halbseitige Körperlähmung zugezogen hatte. Ungeachtet, ob Ingrid nun ein Beinchen gestellt hatte oder nicht, überwog in jedem Fall ihr ausgeprägtes Schuldgefühl, wodurch allein sie die akrobatische Leistung vollbringen konnte, und sich – an sich selbst stoßend- mit einem Salto rückwärts in den Graben katapultierte. Akrobatisch und elegant bestechend (und an keiner Stelle, schon allein wegen des begrenzten Budgets kam eine Stuntfrau zum Einsatz!)

Durch das Desaster sind Knochen- und Herzbrüche sowie diverse Entzündungen zu beklagen und gelähmt wie sie ist, vermag Ingrid in dieser Zeit ausschließlich während geduldiger Krankengymnastik ihrer Wut, Trauer und Zerstörungslust freien Lauf zu lassen.
Das kubistische Objekt seinerseits fliegt eines Nachts wie von selbst aus dem Fenster und hinterlässt eine fürchterliche Lücke, die bald durch eine übermächtige und neunmalkluge Maus gefüllt wird. Ingrid ist von purem Horror erfüllt und nicht im Stande, dies zu ertragen, fürchtet noch davor Ungeziefer und versucht sich mit der überstürzten Reise nach Norwegen einer altbewährten Bewältigungsstrategie zu bedienen. Auch diese scheitert jedoch kläglich und der Zuschauer befindet sich während der nächsten halben Stunde (mindestens!) in einem Zustand vollkommener Desorientierung, der vermutlich dem seelischen Zustand der Protagonistin entspricht. Das einzig Sag- und Beschreibbare besteht hier in einem Schauspiel aus vollkommen abstrakter Farb- und Formverläufe, was zumindest die Vermutung zulässt, dass Ingrid neben deutlicher Gefühlserkrankungen auch auf Basis der visuellen Wahrnehmung starke Defizite aufweist. Klar ist nur, dass Ingrid den Wunsch formuliert, heimzukehren, Heimat erstmalig nicht mehr auf Norwegen beziehen kann und vollständig derangiert sowie nach Vernichtung ihres alten blauen Mohairmantels aus Norwegen abreist. Die Tatsache, dass da eine weitere bahnbrechende Veränderung stattgefunden haben muss, fällt im allgemeinen Trubel ob des Anblicks der fast nackt zurück kehrenden Ingrid, abermals so gut wie unter den Tisch.

Der verbleibende Rest des 3. Teils ist inhaltlich, vorsichtig ausgedrückt, doch recht überschaubar gehalten (allerdings hat der Traum hier wieder viele großartige Monologstellen). Dafür übertrifft sich der Film hier beinahe selbst an originellen und experimentellen Darstellungsweisen. Angedeutet werden soll wohl, dass Erinnerungen allmählich zurückkehren, Ingrid hingegen für nicht geringe Zeit verschwindet. Ein völlig innovatives filmische Stilmittel schafft es erstmals, olfaktorische Wahrnehmungen auf der Leinwand abzubilden und rätselhafterweise erscheint so nun jedes Mal, wohl wenn die Hauptfigur in Kontakt mit einem bestimmten Geruch gerät, ein zutrauliches und sanftes Schaf auf der Bildfläche, das sich Sehnsucht nennt und durch den außergewöhnlichen Duft besonders warmer Wolle imponiert (wieder: Spiel mit den Sinneswahrnehmungen!) Es handelt sich jedes Mal um den Auftritt eines derart vertrauten Wesens, dass die Vermutung nahe liegt, das intelligente Tier habe möglicherweise schon einen ersten Auftritt in Teil 1 gehabt. (Es muss bereits dagewesen sein, denkt sich der perplexe Zuschauer, anders ist das nicht zu erklären). Ingrid selbst hingegen ist nur anhand einer Stimme aus dem Off präsent.

Lediglich vereinzelte Augenzeugen behaupten in einer Schlussszene standhaft, einer jungen Frau zufällig über den Weg gelaufen zu sein, die mit Ingrid zumindest starke Ähnlichkeiten aufweisen soll.
Es bleibt eine der zahlreichen offenen Fragen, ob es sich hierbei tatsächlich um die Protagonistin handelte, ferner, ob Ingrid selbst Kontakt zu den besagten Personen gesucht hat, wo überhaupt sie momentan ist und was zum Teufel jetzt eigentlich als zutreffend für ihre Persönlichkeit beziehungsweise als fataler Schwindel daran gelten kann: die Sesshaftigkeit – oder eben das Gegenteil.Der nicht mehr existierende blaue Mantel, einst ihr Markenzeichen, scheint diesbezüglich einen Hinweis geben zu können.

Teil 3 des Ingrid-Epos baut ein schier unaushaltbares Maß an Spannung auf und bietet ein schlicht perfektes Sprungbrett für die Fortsetzung. Es ist zu hoffen, dass Teil 4 uns in eben solchem Umfang mit ungeahnten Wendungen zu überraschen vermag. Wenn nicht, es wäre schade, fortan gewissermaßen nur noch ein Hörspiel genießen zu können.
23.2.18 17:53


Rundbrief an cinematophile Abonnenten

Ein Epos bezeichnet in umgangssprachlichem Gebrauch eine ausschweifende Erzählung und es gehört zu den vertrackten Schwierigkeiten während des künstlerischen Prozesses der dieser Kategorie zuzurechnenden Werke, dass wir hier von einem natürlicherweise recht langgestreckten Zeitraum sprechen müssen. Die charakteristischen Probleme betreffen alle Epen-fähigen Bereiche, ganz gleich also, ob wir uns im Bereich der Unterhaltungsliteratur oder aber in jenem entsprechender Film- und Fernsehproduktionen bewegen.

Vertrackt ist dies, da im Laufe der Arbeit mit den diversesten, und – wir betonen- wirklich mit sämtlichen Stör- und sonstigen erschwerenden Faktoren gerechnet werden muss.
Auf Seiten der Darsteller etwa dergestalt: Mindestens ein Akteur bzw. eine Akteurin wird beispielsweise mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit reich erben/ versterben/ Drillinge gebären / zum Tischlerhandwerk umschulen / in Unfallfolge Sprachverlust erleiden / in ein abgelegenes katalonisches Hippiedorf auswandern / schlicht und einfach das Interesse verlieren / sich unglücklich erst in die Regisseurin, dann in den Kameramann verlieben, anschließend mit beiden sehr kurz glückliche, jedoch bereits rasch folgend sowie parallel ausgeführt unglückliche Affären haben, und dann, in Folge der nachvollziehbaren Tatsache, dass alle drei jeweils voreinander fliehen, schließlich noch um weiten unglücklicher aus der Sache herausgehen.
In allen der oben beschriebenen Fälle wird eine zufriedenstellende Weiterarbeit für das Endprodukt Film vollkommen unmöglich oder doch zumindest vollständig sinnlos gemacht und stellt natürlich eine immense Herausforderung für eine erfolgreiche und stringente Beendigung des Projektes dar. Hinzu kommen noch zahlreiche weitere Quellen für außerplanliche Änderungen des ursprünglich anvisierten Werkes während der Entstehung. So kann auch der Drehbuchautor ganz identisch alle aufgeführten Schicksale erleiden (das heißt: reich erben /versterben/ Drillinge gebären etc.), ja, auch der Regisseur bzw. die Regisseurin ist davor nicht gefeit (bloß, dass in diesem Fall die unglückliche Liebesverstrickung eher selten die eigene Person betrifft, sondern sich stattdessen, sagen wir, auf den Hauptdarsteller richtet usw. usf.).

Davon abgesehen ist aber auch damit zu rechnen, dass – je nach Arbeitsweise und angelegter Freiheit im Schaffensprozess- der Plot massivsten Änderungen unterliegen kann. Und dies selbst, wenn auf die Kohärenz der beteiligten Figuren durchaus penibel geachtet wird, kurz nach dem Motto: Man weiß ja doch nie, was passiert.
So wird nicht zuletzt die ursprüngliche Dramaturgie des Gesamtwerkes, inklusive der im Drehbuch angelegten konkreten Szenen, hart auf die Probe gestellt und bisweilen komplett über den Haufen geschmissen.
So ist unter anderem auch zu erklären, dass eine zunächst als Trilogie angelegte Erzählung leicht zu einem siebenfolgigen Mammutprodukt aufsummierter Spielfilmlägen wächst, d.h. ausufert: Handlungsstränge erwiesen sich dann vielleicht als komplett nutzlos, oder als verzweigter als geahnt, oder die Stimmung, mit der Folge 2 endete, zeigte sich als totale Sackgasse für Folge 3, oder man entwickelt sich künstlerisch im Laufe der Zeit derart unvorhergesehen weiter, dass im Sinne eines behutsamen Umstellens des Erzählstils (z.B. auf eine rein gereimte Dialogform, Nichtverwendung jeglicher Musik oder aber Science-Fiction-Ästhetik im Endresultat) das Einfügen eines vorher nicht geplanten, weiteren Filmes notwendig wurde. Alles schon dagewesen, alles schon geschehen.

Die Nerven, das ist ja klar, liegen in solchen Fällen bei allen Beteiligten blank. Und dies gilt sowohl für die Crew, als auch für das Publikum.
Umsichtige Produzenten kalkulieren solch unweigerlich eintretenden Abweichungen bereits im Vorhinein ein, Laien- und Erstlingsarbeiten hingegen sind meist nicht darauf vorbereitet und die entsprechenden Personen erleiden in dieser Phase nicht selten einen vollständigen Zusammenbruch, in dem Glauben, ihnen entglitte ihr schöpferisches Lebenswerk unwiderbringlich und mit absolutem Schmerz angesichts des Verlustes von allem, was ihnen lieb ist, starren sie mit geschlossenen Augen in den Abgrund. Das ist alles sehr schlimm und kann sehr traurig sein. Dabei ist übrigens absolut nebensächlich, ob es sich bei dem Projekt um eine umfängliche Telenovela oder um eine Wettbewerbsverdächtige Ausnahmeerscheinung handelt.

Hochverehrte Cineasten, als die wir Sie in den vergangenen sieben Jahren haben kennenlernen dürfen, als die wir Sie schätzen und Ihnen für Ihre stets aufmerksame, feinfühlige, nicht selten angetane und lobende Resonanz auf unser sensibles Programm danken – lange Rede, kurzer Sinn. Auch die Ingrid-Trilogie ist von unvorhergesehenen Änderungen betroffen. Wir wissen nicht, ob wir das bedauern (weil, wir wissen derzeit gar nicht, wohin es geht). Es könnte gut sein, dass sich die dramaturgischen Wendungen unserer ursprünglich so angekündigten Trilogie letztlich als ein immenser Gewinn für den abschließenden Sehgenuss darstellen, aber ja doch! Wir haben einzig und allein ein leicht schlechtes Gewissen, zugegeben, weil wir Ihnen in unserer weitsichtig im Voraus veröffentlichten Synopsis die Dinge mal etwas anders geschildert haben. Oder sagen wir es so, bis jetzt stimmen Zusammenfassung und Film überein, aber der Klimax, ja der muss vollständig angepasst werden. Also deswegen- Ja, wir werden von unserer ursprünglichen Anlegung der Gesamtdramaturgie abweichen.
Wir versichern Ihnen dafür aber, dass es weitergeht, oh, und wie es weitergeht! In wenigen Tagen wird die Premiere des - wie wir wissen - sehnlichst erwarteten dritten Teiles stattfinden, der schon jetzt im Pre-Screening großen Zuspruch findet und zu dem wir Sie bereits hier stolz und herzlich einladen! Und dann… wird es halt noch mehr Teile um die vom Publikum so ins Herz geschlossene Figur der Ingrid geben. Also eine Doppel-Trilogie eben, wenn Sie so wollen. Denn, um Ingrid herum gibt es ja auch noch ihr eigenes Universum, wenn Sie es so bezeichnen möchten, also der Cast, das meinen wir natürlich, die brauchen ja auch alle noch Platz in dem Epos. Also, es ist so ein Fall eingetreten, wie eingangs exemplarisch nachgezeichnet, und nun ja, Teil 3 wurde einfach auf Deubel komm raus nicht einem Finale gerecht. Es lag daran, dass … ja, nun, aus unterschiedlichen Faktoren hatten sich Sackgassen aufgebaut und, hm, die Stimmung, die passte irgendwann gar nicht mehr, und also, es gab auch interne Dramen und, ja, auch ein paar Krisen, und, naja. Es braucht Zeit, neue Anschlussstraßen als Verlängerung der Sackgassen zu bauen. Das ist auch eine künstlerische, das ist auch eine architektonische Herausforderung. Wir wollten Ihnen das wie gewohnt ehrlich nur schon einmal mitteilen. Auch Ihnen, liebe Sponsoren (die wir so außerordentlich und aus tiefstem Herzen schätzen, dass wir richtiggehend gerührt sind, in beidseitigem Einverständnis noch viele Jahre der gemeinsamen und freundschaftlich-künstlerischen Kooperation auskosten zu dürfen! Angesichts des ohnehin knappen Budgets mussten wir den meisten Beteiligten eh schon drastische Gehaltskürzungen mitteilen, die machen das jetzt fast alle ehrenamtlich, was für ein Opfer für die Kunst! Das ist ja ein Riesending, bedenken Sie das. Ach, wirklich. Chin-chin, schon einmal an dieser Stelle).

Ach wirklich, was für ein Tag. Das gesamte Team ist enorm gerührt, glauben Sie uns, bitte. Wir stellen schon jetzt ein bescheidenes Fässchen Grauburgunder kalt, damit der gebührenden Feier anlässlich der Premiere nichts mehr im Wege steht.

Mit ergriffensten Grüßen.
12.2.18 00:57


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