Rundbrief an cinematophile Abonnenten

Ein Epos bezeichnet in umgangssprachlichem Gebrauch eine ausschweifende Erzählung und es gehört zu den vertrackten Schwierigkeiten während des künstlerischen Prozesses der dieser Kategorie zuzurechnenden Werke, dass wir hier von einem natürlicherweise recht langgestreckten Zeitraum sprechen müssen. Die charakteristischen Probleme betreffen alle Epen-fähigen Bereiche, ganz gleich also, ob wir uns im Bereich der Unterhaltungsliteratur oder aber in jenem entsprechender Film- und Fernsehproduktionen bewegen.

Vertrackt ist dies, da im Laufe der Arbeit mit den diversesten, und – wir betonen- wirklich mit sämtlichen Stör- und sonstigen erschwerenden Faktoren gerechnet werden muss.
Auf Seiten der Darsteller etwa dergestalt: Mindestens ein Akteur bzw. eine Akteurin wird beispielsweise mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit reich erben/ versterben/ Drillinge gebären / zum Tischlerhandwerk umschulen / in Unfallfolge Sprachverlust erleiden / in ein abgelegenes katalonisches Hippiedorf auswandern / schlicht und einfach das Interesse verlieren / sich unglücklich erst in die Regisseurin, dann in den Kameramann verlieben, anschließend mit beiden sehr kurz glückliche, jedoch bereits rasch folgend sowie parallel ausgeführt unglückliche Affären haben, und dann, in Folge der nachvollziehbaren Tatsache, dass alle drei jeweils voreinander fliehen, schließlich noch um weiten unglücklicher aus der Sache herausgehen.
In allen der oben beschriebenen Fälle wird eine zufriedenstellende Weiterarbeit für das Endprodukt Film vollkommen unmöglich oder doch zumindest vollständig sinnlos gemacht und stellt natürlich eine immense Herausforderung für eine erfolgreiche und stringente Beendigung des Projektes dar. Hinzu kommen noch zahlreiche weitere Quellen für außerplanliche Änderungen des ursprünglich anvisierten Werkes während der Entstehung. So kann auch der Drehbuchautor ganz identisch alle aufgeführten Schicksale erleiden (das heißt: reich erben /versterben/ Drillinge gebären etc.), ja, auch der Regisseur bzw. die Regisseurin ist davor nicht gefeit (bloß, dass in diesem Fall die unglückliche Liebesverstrickung eher selten die eigene Person betrifft, sondern sich stattdessen, sagen wir, auf den Hauptdarsteller richtet usw. usf.).

Davon abgesehen ist aber auch damit zu rechnen, dass – je nach Arbeitsweise und angelegter Freiheit im Schaffensprozess- der Plot massivsten Änderungen unterliegen kann. Und dies selbst, wenn auf die Kohärenz der beteiligten Figuren durchaus penibel geachtet wird, kurz nach dem Motto: Man weiß ja doch nie, was passiert.
So wird nicht zuletzt die ursprüngliche Dramaturgie des Gesamtwerkes, inklusive der im Drehbuch angelegten konkreten Szenen, hart auf die Probe gestellt und bisweilen komplett über den Haufen geschmissen.
So ist unter anderem auch zu erklären, dass eine zunächst als Trilogie angelegte Erzählung leicht zu einem siebenfolgigen Mammutprodukt aufsummierter Spielfilmlägen wächst, d.h. ausufert: Handlungsstränge erwiesen sich dann vielleicht als komplett nutzlos, oder als verzweigter als geahnt, oder die Stimmung, mit der Folge 2 endete, zeigte sich als totale Sackgasse für Folge 3, oder man entwickelt sich künstlerisch im Laufe der Zeit derart unvorhergesehen weiter, dass im Sinne eines behutsamen Umstellens des Erzählstils (z.B. auf eine rein gereimte Dialogform, Nichtverwendung jeglicher Musik oder aber Science-Fiction-Ästhetik im Endresultat) das Einfügen eines vorher nicht geplanten, weiteren Filmes notwendig wurde. Alles schon dagewesen, alles schon geschehen.

Die Nerven, das ist ja klar, liegen in solchen Fällen bei allen Beteiligten blank. Und dies gilt sowohl für die Crew, als auch für das Publikum.
Umsichtige Produzenten kalkulieren solch unweigerlich eintretenden Abweichungen bereits im Vorhinein ein, Laien- und Erstlingsarbeiten hingegen sind meist nicht darauf vorbereitet und die entsprechenden Personen erleiden in dieser Phase nicht selten einen vollständigen Zusammenbruch, in dem Glauben, ihnen entglitte ihr schöpferisches Lebenswerk unwiderbringlich und mit absolutem Schmerz angesichts des Verlustes von allem, was ihnen lieb ist, starren sie mit geschlossenen Augen in den Abgrund. Das ist alles sehr schlimm und kann sehr traurig sein. Dabei ist übrigens absolut nebensächlich, ob es sich bei dem Projekt um eine umfängliche Telenovela oder um eine Wettbewerbsverdächtige Ausnahmeerscheinung handelt.

Hochverehrte Cineasten, als die wir Sie in den vergangenen sieben Jahren haben kennenlernen dürfen, als die wir Sie schätzen und Ihnen für Ihre stets aufmerksame, feinfühlige, nicht selten angetane und lobende Resonanz auf unser sensibles Programm danken – lange Rede, kurzer Sinn. Auch die Ingrid-Trilogie ist von unvorhergesehenen Änderungen betroffen. Wir wissen nicht, ob wir das bedauern (weil, wir wissen derzeit gar nicht, wohin es geht). Es könnte gut sein, dass sich die dramaturgischen Wendungen unserer ursprünglich so angekündigten Trilogie letztlich als ein immenser Gewinn für den abschließenden Sehgenuss darstellen, aber ja doch! Wir haben einzig und allein ein leicht schlechtes Gewissen, zugegeben, weil wir Ihnen in unserer weitsichtig im Voraus veröffentlichten Synopsis die Dinge mal etwas anders geschildert haben. Oder sagen wir es so, bis jetzt stimmen Zusammenfassung und Film überein, aber der Klimax, ja der muss vollständig angepasst werden. Also deswegen- Ja, wir werden von unserer ursprünglichen Anlegung der Gesamtdramaturgie abweichen.
Wir versichern Ihnen dafür aber, dass es weitergeht, oh, und wie es weitergeht! In wenigen Tagen wird die Premiere des - wie wir wissen - sehnlichst erwarteten dritten Teiles stattfinden, der schon jetzt im Pre-Screening großen Zuspruch findet und zu dem wir Sie bereits hier stolz und herzlich einladen! Und dann… wird es halt noch mehr Teile um die vom Publikum so ins Herz geschlossene Figur der Ingrid geben. Also eine Doppel-Trilogie eben, wenn Sie so wollen. Denn, um Ingrid herum gibt es ja auch noch ihr eigenes Universum, wenn Sie es so bezeichnen möchten, also der Cast, das meinen wir natürlich, die brauchen ja auch alle noch Platz in dem Epos. Also, es ist so ein Fall eingetreten, wie eingangs exemplarisch nachgezeichnet, und nun ja, Teil 3 wurde einfach auf Deubel komm raus nicht einem Finale gerecht. Es lag daran, dass … ja, nun, aus unterschiedlichen Faktoren hatten sich Sackgassen aufgebaut und, hm, die Stimmung, die passte irgendwann gar nicht mehr, und also, es gab auch interne Dramen und, ja, auch ein paar Krisen, und, naja. Es braucht Zeit, neue Anschlussstraßen als Verlängerung der Sackgassen zu bauen. Das ist auch eine künstlerische, das ist auch eine architektonische Herausforderung. Wir wollten Ihnen das wie gewohnt ehrlich nur schon einmal mitteilen. Auch Ihnen, liebe Sponsoren (die wir so außerordentlich und aus tiefstem Herzen schätzen, dass wir richtiggehend gerührt sind, in beidseitigem Einverständnis noch viele Jahre der gemeinsamen und freundschaftlich-künstlerischen Kooperation auskosten zu dürfen! Angesichts des ohnehin knappen Budgets mussten wir den meisten Beteiligten eh schon drastische Gehaltskürzungen mitteilen, die machen das jetzt fast alle ehrenamtlich, was für ein Opfer für die Kunst! Das ist ja ein Riesending, bedenken Sie das. Ach, wirklich. Chin-chin, schon einmal an dieser Stelle).

Ach wirklich, was für ein Tag. Das gesamte Team ist enorm gerührt, glauben Sie uns, bitte. Wir stellen schon jetzt ein bescheidenes Fässchen Grauburgunder kalt, damit der gebührenden Feier anlässlich der Premiere nichts mehr im Wege steht.

Mit ergriffensten Grüßen.
12.2.18 00:57
 

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