Was waren das für Zeiten gewesen, dachte Ingrid, nun, an diesem Sommerabend, als die Ampelanlagen und die partielle Mondfinsternis rot vor ihr aufglommen, kaum ein Wind ging, die Schwalben hoch flogen. Oder waren es Fledermäuse? Sie war sich nicht sicher.
Die verpatzte Reise nach Norwegen lag hinter ihr. Die blauen Wollfetzen des unwiederbringlich zerstörten Mantels waren zwischen den Wachholderbüschen geblieben, die Verrottung hatte dort vielleicht mittlerweile schon eingesetzt, auch das wusste sie nicht, was beim Sauerampfer geschieht, bleibt beim Sauerampfer. Die Dinge mussten nur schlimm genug stehen, dann kam sie auch mit diesem Mantra zur Abwechslung einmal klar.
Nichts hatte sie so machen wollen, wie sie es sonst tat, da in diesem Ausnahmezustand, und es war ihr dann auch überaus leicht gefallen, gehbehindert und verzweifelt wie sie war, eine gesichtslose Servicedame am Flughafen Oslo mit der vollen Wucht ihrer Wut zu überschütten, sodass diese ihr sofort widerstandslos ein Ticket für einen Direktflug ausgestellt hatte. Ingrid hatte dann von Gänsehaut übersäht und halbnackt im Flieger gesessen. Sie hatte die Kälte allerdings nicht gespürt, denn allein bei Gedanken an die verwesenden Partikel ihres kratzigen royalfarbenen Mantels war eine solche Hitze in ihren Kopf gestiegen, dass sie kaum hatte denken können. Für Kälte braucht es einen klaren Kopf.
Sie hatte dann Abstand von der Idee einer Flugzeugentführung genommen.
Sie war dann gelandet. Sie hatte dann auf dem Boden geschlafen und war aufgestanden.
Sie war am nächsten Morgen mit Augen durch die Straßen gegangen, die sich zum ersten Mal seit einer kleinen Ewigkeit sich wieder öffnen ließen. Sie hatte sich mit der Maus angefreundet, mit der sie sich nachts das Zimmer teilte. Sie wollte sie nicht töten.
Sie begann den Tag früh, weil die Geräusche am Morgen die schönsten waren. Überhaupt war sie froh, dass die Stadtverwaltung sich offenbar dazu entschieden hatte, die Testphase des Gesetzesentwurfs zu kippen, wonach einzig und allein Betonmischmaschinen für das akustische Profil der Stadt zugelassen werden sollten.
Sie hatten wohl auch den Paragraphen mit der Geruchslimitation gestrichen, ganz offensichtlich. Ingrid nahm nämlich den Geruch von Kiefernholz wahr, von frisch gewässerten Augustblumen, von Waschmittel und manchmal drehte sie sich ruckartig um, als habe ihr eine bekannte Person auf die Schulter getippt, fast, als könnten ein vertrautes Parfum oder eine bekannte Duschlotion physische Kräfte entfalten.
Es war in diesen mittleren Abendstunden, in denen der Mond aufgeht und es so aussieht, als würde er in Wahrheit von den Baukränen am Horizont in den Himmel gehievt. Es war da, dass Ingrid stehenblieb, schwitzend, auf das schaute, was sie da zusammengepuzzelt hatte, zum ersten Mal zurücktrat und ein wohl komponiertes Muster im Mosaik entdeckte. Zum ersten Mal dachte, dass wohl doch nichts zu Ende war.
10.8.17 00:16
 

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