Es war nichts so gekommen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Ihre Erwartungen waren nicht bestätigt worden und Ingrid begriff zum ersten Mal in ihrem Leben, dass sich irgendwann immer alles verändert. Es gibt Veränderung, soso. Alle Karten werden zu jedem Zeitpunkt gemischt, aha. Wann wird dann eigentlich gespielt? Jedenfalls, wenn nichts einem festen Muster folgt (was wiederum nicht heißt, dass es keine festen Muster gebe! Oh nein, alles andere als das), dann jedenfalls kann der Umsturz schnell geschehen oder schleichend über die Jahre hinweg, wie auch immer. Alles aber, was feststeht, ist, dass man keine Vorhersagen treffen kann. Gibt’s nicht. Geht nicht. Man mag sich selbst noch so gut kennen, dann geschieht es eben doch, dass man selbst anders auf die vermeintlich bekannten Stückchen Welt antwortet, als man es immer gewohnt war. Man reagiert auf einmal unerwartet, damit beginnt es schon. Versteht sich selbst nicht mehr. Und wenn dann noch die Welt in ihren Antworten variiert – na, was kann man da schon sagen, wie es kommen wird.
Ingrid stand da nun also in Oslo, fernab des Bahnhofs. Die Landstraße, die zur Küste führte, der Wind, der ging, das Wasser, das sich durch blassen Dunst ankündigte, der Schweiß, der ihr unter dem Reisegepäck den Rücken hinunter rann, der Wind – wieder der- der ihr durch das formlose Haar fuhr, der Schweiß – das auch, trotz Wimpernkranz- der in ihr leicht entzündetes Auge floss. All die Landschaft vor ihr, all die Singvögel, die durch das Bild glitten, all die Stille, die immer genauso geklungen hatte, wie gut sie die kannte, die Stille dieses Ortes. Wie sie sich die Schönheit des Meeres vorstellen konnte, weil es immer ähnlich schön war, wie sehr sie die kannte, die Schönheit dieses Ortes.
Und sie stand dort, knietief im Sauerampfer und sie hasste es. Die Stille brummte in ihren Ohren und vor Abscheu gegen die Schönheit hätte sie kotzen können. Ingrid stand da und verwünschte Norwegen und würde niemals mehr sentimentale Postkarten mit debil dreinschauenden Wollschafen verschicken, sie wollte das gesichtslose Meer dort, 500 Meter Luftlinie entfernt, unter keinen Umständen sehen, sie würde den Teufel tun und ein Souvenir in ihrer Manteltasche mitnehmen, alberne Muscheln, nichtssagende Steine, egoistischer Ballast. Und überhaupt, dieser Mantel. Der Mantel war an allem Übel schuld, warum überhaupt trug sie einen ollen, verstaubten Mantel, dessen wichtigste Eigenschaft seine poetischen Farbbezeichnungen waren!
Ingrid schrie. Sie schleuderte den Rucksack in die Wachholderbüsche, sie riss sich den Mantel herunter und zerrte so lange an einem der Ärmel, bis sich die Wolle tatsächlich aufribbelte und sie den Mantel entzwei teilen konnte, bis sie ihn vollständig zerstört hatte. Sie schubste seine Reste mit dem Fuß in den nächsten Ameisenhügel und dann rannte sie.
Sie verfing sich im Sauerampfer, der auf einmal einer Schlingpflanze glich und verteufelt hinterhältig ihre Knöchel angriff. Ingrid hatte noch nie ungelenker ausgesehen, sie war sich noch nie unfähiger vorgekommen, weil sie doch nur rennen wollte, und selbst das nur mäßig gelang. Irgendwann aber war das Sauerampferfeld überquert. Ingrid wollte nur noch nach Hause.
8.7.17 18:24
 

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