Ingrid mochte Pusteblumen. Das war problemlos möglich, da sie ihre Historie stählern vor jeglichen Allergien abgeschirmt hatte. Sie mochte den Geruch der Wiese, die unter dem Aprilhimmel sattgrün zu wuchern begonnen hatte und deren Halme sie in den Ohren kitzelte, während einzelne Regentropfen auf ihre Nase hinabtanzten und zerschellten. Sie mochte das Gefühl von Aufgewühltheit und jene von körperlicher und geistiger Erschöpfung, weil alle drei ihr zeigten, dass sie es mitten hinein ins Leben geschafft hatte. Dass sie vorhanden war.
Ingrid hatte in letzter Zeit nur sehr spärliche Versuche unternommen, die Tage um sie herum zu protokollieren. Sie war wenige Jahrzehnte alt, ihr Gehirn schien in voller Blüte zu stehen, die zweifelte nicht, dass ihr Gedächtnis alle Erinnerungen speicherte. Das beruhigte sie und sie konnte Großteile des Tages anderen Aktivitäten widmen.
Ingrid war in den vergangenen Wochen auf eine unbedachte Art glücklich gewesen. Sie hatte sogar hin und wieder Langeweile verspürt, was sie als eindeutigen Fortschritt wertete, weil es sie hinaustrieb und sie bemerkte, dass sie sich selbst nicht genügte, ohne sich dabei zu verdammen.
Sie hatte oft Gedankengebilde entworfen und die Zukunft mit sanften Bleistiftstrichen vor sich gezeichnet gesehen. Sie hatte Kleidung getragen, die kaum mehr an norwegische Schafswolle erinnerte, der azurblaue Mantel staubte in der hintersten Ecke des Schrankes vor sich hin. Ingrid hatte, ohne sich zu verleugnen, ihre Geschichte für notwendig doch nebensächlich fein säuberlich in ihrer Kommode verstaut. Es fühlte sich gut an und befreite sie von einem schweren Gewicht, das sie sonst oftmals auf ihrem Rücken lagern spürte.
Ingrid träumte. Ingrid versuchte, nicht zu sehr über sich nachzudenken. Ingrid schaute hinaus und den Menschen in die Augen. Ingrid sagte sich, dass das alles sei, was sie der Welt schuldig sei. Ingrids Herz tanzte. Ingrid beruhigte sich mit dem Gedanken, dass es ebenso normal sei, hin und wieder ein schlafendes Herz mit sich herum zu tragen.
Ingrid war überwältigt von der Schönheit des Meeres, den Feinheiten der menschlichen Mimik, von grünen Augen und den Gesängen früher Amseln. Ingrid glaubte sich so stabil, dass sie selbst in verzweifelten Minuten gerne auf die Anwesenheit anderer bauen wollte.
Ingrid bemühte sich. Wirklich.
Und dann fragte sie sich, ob alles ausreichte, oder ob sie nicht doch viel zu simpel gestrickt sei für ein Leben ohne Schüttelfrost.
Über den Dächern zogen Wolken auf und sie goss die Margeriten auf ihrem Balkon zeitgleich mit dem einsetzenden Regen. Es war ihr egal.
29.4.17 21:49
 

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