In der Winternacht
hängt ein Himmelskörper rot und schwer in den Bäumen.
So schwer, dass unklar bleibt
Viele Minuten und Meter lang
Ob es
Er
Ist
Ob er gehalten wird von den Ästen
Oder aber ob er fallen wird
Und ob nicht die optische Täuschung regiert.
Wüstenfarben das Licht und
Asymmetrisch die Kugel als
übte sich ein Riese in sanfter Fingergymnastik.
Ich laufe in dieser Verwirrung weiter zu
Auf ihn, der sich entzieht -
Und die Winternacht dampft.
Der Mond ist kein Scheinriese
rufen die Baumskelette -
sie müssen es wissen und
ich vertraue ihnen.
Doch was passiert, wenn er nicht gehalten wird,sondern
trunken stürzt
und auf das Zurückfedern hoffen muss.
Vielleicht muss ich der Erde helfen
ruft etwas in mir – bloß
schaltet Laufen nunmal das Frontalhirn
aus.
Die Dimensionen verschwimmen ineinander
Und die kosmischen Abstände werden begreifbar
In ihren bestehenden Illusionen.
Der Mond fällt also auf den Columbiadamm -
Fast
Ich habe den Mond aufhalten können.
Hast du Zugang zu einem Stück Himmel
Mit Mond? Möchte ich fragen
Am Telefon vielleicht,
wenn ich denn gerne telefonierte.
Eine Amsel zumindest redet dann laut
In der Winternacht
in dieser verrückten Welt.
17.2.17 01:21


1.2.17 23:03


Warum nicht
den Tag verstreichen
wie Butter
in der Wintersonne?
19.1.17 08:40


Tempofragen

Im Jahr ganz zuunterst
liegen Salzseen aus Eis und Granulat.
Noch schlittern wir
stockend,
fahren eben solange auf Rollschuhen
bis die Lichter angehen,
immer im Kreis,
mit rudernden Armen
und verspanntem Nacken
bis wir darauf bauen,
bis die Schulter gestrafft und
bis
der Grund getrocknet ist.
Manchmal fassen wir uns an den Händen,
dann werden aus Rollen Füße,
die nichts aus der Kurve wirft.
Und nachts
träumen wir indes
von staubigen Straßen
hüpfenden Sandalen
und übermütigem Abendrot.
15.1.17 22:38


Die normale Zeit hatte schon vor langem wieder begonnen, wie die Pfarrerin angekündigt hatte. Die Sache mit den fortlaufenden Geschichten, sie erwies sich als schwierig, das war ja keine Überraschung. Der frühe Morgen verschüttete höchstpersönlich alle Milch im Kühlschrank und ließ Kaskaden wie einen Wasserfall bis in die Küche rinnen, in der es heute dann auch gar nicht hell wurde. Obwohl die Milch weiß leuchtete, aber nein, dennoch nicht. In der Küche saß Ingrid und führte Gespräche. Die andere Person stöhnte, es sei fürchterlich, sie habe noch nie eine Person getroffen, die vor Verkorkstheit bekloppter gewesen sei als sie selbst, sie könne es nicht fassen, finde es unmöglich und hasse sich dafür! Ingrid lächelte und nickte sanft.
Ingrid hatte eigentlich mit dem Schüttelfrost reden wollen, doch der war seit geraumer Zeit unter seiner spanischen Nummer nicht persönlich erreichbar. Er hatte nun einen Anrufbeantworter, der, wann immer ein gescheiterter Versuch hinter Ingrid lag, die Anrufdaten aufzuzeichnen schien und darauf automatisch eine formlose Postkarte zustellte. Die Paketboten warfen sie meist gemeinsam mit den sperrigen Sendungen der Nachbarn fröhlich ins Haus und auf ihnen prangten immer Motive verschiedenster Fischarten. Hinten nur der eilig hingehauchte Stempel der schüttelfrostigen Unterschrift und vorne Großportraits von Fischen. Ingrid hatte in ihrer Sammlung schon eine Makrele, einen Bückling und zwei Sprotten. Einmal kam sogar eine Muräne. Die war sehr hässlich und bereitete Ingrid, obwohl sie eigentlich eher furchtlos war, Alpträume und jagte ihr so etwas wie Angst ein.

Die Marienkäfer waren wie in jedem Winter seit Wochen in Scharen gegen die Fensterscheiben geprallt. Die Möbel hatten ihre Plätze gewechselt, bis sie die letztmöglich innovative Anordnung erreicht hatten und Ingrid hatte nachts auf dem Fußboden gesessen, wo sich eine Halde von Dingen auftürmte und sie in alten Aufzeichnungen las, deren Existenz sie noch im gleichen Moment eigentlich vergessen wollte. Damit sie sich nicht unnötig verwirren ließe. Die Regale hatten sich von Ballast gereinigt und waren danach noch immer derart schwer beladen gewesen, dass nicht auffiel, dass der Entschluss des Trennens im Raum gestanden hatte. Die Kalenderblätter waren umgeschlagen worden, Monat für Monat. Ingrid fand es sehr ärgerlich, dass ihr die Motive so gut gefielen, dass sie den gleichen Kalender auch im vierten Jahr in Folge würde verwenden wollen. Warum schenkte ihr eigentlich niemand je einen Kalender? Sie ahnte warum. Sie würde ihn vermutlich nicht mögen und seine Blätter stattdessen als Geschenkpapier verwenden. Wahrscheinlich war die Wahrheit auf diesem Wege bereits aufgeflogen, ohne, dass sie ertappt gefühlt hatte, sie konnte abgrundtief unaufmerksam sein. Sie besah sich die Eintragungen, die sie vor drei Jahren mit grünem Kugelschreiber auf den winzigen Rechtecken der Tage gemacht hatte, die Tinte war beinahe vollständig verblichen aber dennoch zu erkennen, sodass die einzelnen Tage zwingend von den sehr lebendigen Konzertbesuchen, Geburtstagsfeiern und Terminen bestimmt wurden, sie nun jedoch im Prinzip unproblematisch überschrieben werden konnten. Ingrid war sich nicht sicher, ob sie sich das trauen würde, nahm sich aber vor, im Fall blaue Tinte zu verwenden. Jemand hatte einmal zu ihr gesagt, man müsse viel öfter die Perspektive wechseln und solle daher hin und wieder eine Weile rücklings auf dem Zimmerboden zubringen. Ingrid hielt das für einen vernünftigen und geradezu fantastischen Vorschlag. Sie hätte das damals sofort umweglos sagen sollen, aber da sie das nicht getan hatte, schmerzte sie die Erinnerung, sie traute sich nicht, die fremde Idee zu verwenden und außerdem konnte sie sich einfach nicht überwinden. Ingrid lag nun also nicht auf dem Rücken, sondern stand eher in der Gegend herum, seit Wochen, einfach so. Fühlte sich unvollendet. Auch an diesem Morgen, aus purer Unvollendetheit.
Sie watete durch bunte Scherben und Konfettischnipsel und am Horizont verglühte wohl die Sonne, auch wenn man sie nicht sah, sondern nur einen scharlachroten Schleier erkennen konnte. Wenigstens der war hell, so hell wie die Milch.
Es brachte nichts, die Dinge zu wenden, dachte sie, sie würden sowieso anecken, wie auch immer sie sie im Kopf auch anordnete. Man könnte sich dann eigentlich auch sofort vom Kopf trennen, überlegte sie, aber hey, fürs Wolkenbetrachten würde man ihn ja vermutlich doch noch brauchen. Aus dem Briefkasten fischte sie eine neue Karte, auf der das Bild eines Hais prangte und auf welcher der Schüttelfrost mitteilte, er habe kürzlich beschlossen, einen eigenen Lyrikband zu veröffentlichen, weshalb er auch sehr beschäftigt gewesen sei. Darunter hatte er einige Verszeilen gekritzelt, die scheinbar davon handelten, wie sehr er es liebe, Neues abzubrechen. Das Gedicht verbesserte sich und stellte in der nächsten Zeile klar, dass das, was das lyrische Ich suche, das Gefühl sei, etwas Erneutes abzubrechen. Es reimte sich nicht und schloss mit ‚Ich bin neu / und süchtig danach‘.
Ingrid musste lachen und heftete sich kopfschüttelnd das Bild des Raubfisches über ihr Bett.
Dann blätterte sie in allen Aufzeichnungen, die ihr Regal noch hergab. Sie breitete die Hefte vor sich aus wie Landkarten, die es zu entziffern galt und sie war entsetzt, welches Chaos ihr auf all diesen Seiten entgegen prangte. Die Sätze endeten seit langem häufig nicht mehr, hörten einfach mittendrin auf. Die Bilder schienen eindrücklich zu sein, doch sie waren nur kurz geschildert und Ingrid gelang es beim besten Willen nicht, alle wieder zu erkennen. Bei vielen Passagen wusste sie nicht, wo etwas begann, wo etwas aufhörte und es gab einen Haufen Orthographiefehler. Zudem fand sie etwa drei Dutzend leere Butterbrottüten, auf die sie wichtige Dinge gekritzelt hatte, die den spürbaren Biss des Haifischgrinsens auf der zuvor betrachteten Postkarte hatten, gar nicht kryptisch waren, allerdings auch vollkommen konsequenzlos und unachtsam zwischen die Seiten gestopft worden waren.
Ingrid raufte sich die Haare und schloss entgeistert die Augen nachdem sie dort gelesen hatte:

Wenn man fliegt/
Reist das ganze Leben mit/
Man kann jetzt nur fliegen/
Später wird man neu beginnen.
1.1.17 22:49


4.11.16 19:19


28.10.16 23:44


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