28.10.16 23:44


Die Dämmerung bricht heran und Ingrid steht in dieser Straße, die mit Kopfsteinen gepflastert ist, also schon alt sein muss. Ingrid mag die Straße, sie kann sie sogar auf einem Stadtplan problemlos finden und wenn sie an die Straße denkt, breitet sich das verbindende Netz des Stadtplanes sogar in ihrem Kopf aus. Sich hier zu verirren ist unmöglich, Neues zu entdecken ist nicht mehr so einfach wie anfangs. Ingrid kann die Augen schließen und die Geräusche verschiedener Wochentage auseinanderhalten, sie kann zu bestimmten Uhrzeiten mit geschlossenen Augen erraten, welches Lieferauto auf der anderen Straßenseite gehalten hat und sie kann voraussagen, welche Richtung der betrunkene Nachbar nach einem lautstarken Streit einschlagen wird. Zweimal in jedem Jahr schweben Männer mit Kettensägen an den Fenstern der Wohnungen vorbei, um die großen Lindenbäume zu stutzen und in jedem Herbst verfärben sich die Bäume gelb, so sehr gelb, dass man unten auf der Straße glaubt, den Regenschirm aufspannen zu müssen, damit einem keine Rinnsale von Goldflüssigkeit in den Nacken fließen. Im November stehen die Linden wie frierende Skelette da, Raben spielen in der Luft mit aufgeklaubten Eicheln Rugby und der Frost kriecht knirschend durch die Fensterritzen der Wohnungen. Im Dezember betritt Ingrids Nachbar schon am frühen dunkeln Morgen seine eigene Küche mit einer wollenen Pudelmütze auf dem Kopf, die seine empfindliche Glatze und seine Ohren schützt. Nachmittags, wenn die Sonne bereits wieder untergegangen ist, ordnet der Nachbar mit der Pudelmütze seine Bücher in den langen Regalen an seiner Wand, hat ein paar Zitronen gekauft, reiht sie auf seiner Fensterbank auf, schneidet sie in bedächtigen, ordentlichen Bewegungen zu Scheiben. Im Winter gleichen alle Fenster der Wohnungen einem Setzkasten. Die Familie mit dem Kind, das mittlerweile schon über die Balkonbrüstung ragt, das gestikulierend unter der Lampe am runden Tisch sitzt, das Fensterbilder gebastelt und alle Fenster damit beklebt hat. Der Lichtschimmer hinter der Wohnung mit den dicken Tüllgardinen, die Silhouetten ihrer Bewohner. Das Knacken des Feuerzeugs, wenn der Mann im Dachgeschoss im Dunkeln auf den Balkon tritt, vor dunkle Fenster, die glimmende Zigarette in der Nachtluft. Ingrid kennt die Details, sie mag sie, sie interessiert sich dafür. Sie überlegt, ob das so stimmt, kennt sie wirklich die Details oder sucht sie nur nach groben Feinheiten, und kann es das überhaupt geben. Es klingt nämlich wie ein Widerspruch in sich, und doch kann es sein, dass sie genau dazu in der Lage ist. Nur, denkt sie, das Wort 'nur' muss da hinzugefügt werden, alles, was ich kann, sind ungenaue Kleinigkeiten. Das könnte sein, es könnte aber auch nicht stimmen, sie weiß es nicht. Sie könnte eine gewisse Grobheit weiterverfolgen, sie könnte sich in den Kleinigkeiten vergessen, beides ginge, vielleicht nichts von alledem, auch darüber ist sie nicht sicher.
Immer geht es darum, den Ort abzustecken, sein Wesen benennen zu können. Ingrid kennt das Wesen dieses Ortes nun, sodass die Umgebung ohne weitere Bemühungen als Subtext mitfließen kann. Sie ist nicht mehr so wichtig, die Umgebung und ihre Beschreibungen, weil alles definiert ist. Ingrid fühlt sich sicher und warm und abgebrüht, ja, abgebrüht, denkt sie, als wenn die Zunge von einem Schluck zu hastig getrunkener heißer Brühe betäubt bliebe. Es braucht Geschichten, die über den Dezember hinausgehen, das weiß jeder. In der nächsten Woche kehren wir zurück zur normalen Zeit, hat die Pfarrerin am Morgen gesagt, sie hat gestrahlt, während in der genau dieser Sekunde ein bisschen staubiges Sonnenlicht durch die bunten Glasfenster gefallen ist - denken Sie daran, nicht zu früh zu kommen, die Sommerzeit endet.

Ingrid wippt auf ihren Füßen auf und ab, weil ihr Bein eingeschlafen ist, während sie eine Weile angewurzelt auf dem Kopfsteinpflaster ausgeharrt hat. Sie spürt eine Abneigung gegen die Ausgeglichenheit in ihrem Herzen, weil die manchmal einer warmen Gleichgültigkeit nahe zu kommen scheint. Manchmal am Abend versucht sie, zu erkennen, was fehlt und manchmal glaubt sie, es sei eine verschwundene Sehnsucht. Es ist die Unlust, zu trinken, wenn alle Flaschen mit Sprudelwasser gefüllt vor einem stehen. Manchmal, denkt sie, vermisst man tatsächlich das Gefühl, dass etwas fehlt, und auch das kann einen Lungenflügel abklemmen.
Manche Nächte riechen nach Baldrian und nach fast verflogenem Waschmittelaroma der Handtücher auf der Wäscheleine. Meist fliegen die Gedanken sehr rasch gemeinsam mit dem Hauch der Gerüche fort, halten sich dann für Stunden an einem tiefen, unbekannten Ort in der Nähe auf. Selten bleibt der Baldrian wirkungslos, wenn nämlich der Körper den Schlaf trotzdem abwehrt und aufspringen muss, weil er sehr genau zu wissen scheint, was getan werden muss. Um zwei Uhr in der Nacht erschrickt Ingrid sich über die Härte, mit der ihre Hände auf die Tasten einhämmern, vielleicht, weil es so grob klingt, wahrscheinlich deshalb. Ob die Grobheit sie verzweifeln lässt, oder ob es etwas Anderes ist, das kann sie in dieser Nacht nicht herausfinden. Und fast dankbar ist sie über die Schlaflosigkeit und über die hämmernden Finger, nachlässig herausgeschleuderten Töne in Moll, die über den Kopfhörer an ihr Ohr dringen, abgeschirmt von den Wohnungen der Nachbarschaft.
1.2.17 23:20


Aufbruch für sich.

Seit wann ist sie hier? Vor kurzem hat Ingrid die Frau mit den verblichenen Plastiktüten an den Händen zum ersten Mal in der Nachbarschaft gesehen, vielleicht drei oder vier Wochen ist es her, dass sie aufgetaucht ist. Fünf prall gefüllte Tüten trägt die Frau mich sich herum, scheint sie zu hüten, wie ihren Augapfel. Daraus zutage gekommen sind für Ingrids Augen bereits eine viel zu große dunkelblaue Karottenjeans und ein durchsichtiger Sack aus flatterndem Zellophanpapier, und die Frau hatte beides auf der Wiese neben sich ausgebreitet. Zum Trocknen, beispielsweise. Ingrid vermutet, dass die fünf Plastiktüten noch mehr Requisiten beherbergen, die der Frau wichtig sind, wenn sie Dialoge führt, die allesamt von ihr allein gesprochen werden. Die Frau wechselt virtuos zwischen den verschiedenen Tonlagen. Und ihre Stimme ist schön, in allen Rollen. Die Stimme, die Satzmelodie, die gesamte Artikulation erinnert Ingrid an eine Nachrichtensprecherin. Die Frau ist scharfsinnig, sie ist eloquent. An manchen Passagen des Monologes zeigt sich ihr Witz, überraschend und dann umso erschütternder. Als der Obdachlose an ihr vorbeischlendert, dieser nur mit 2 bunt bedruckten Taschen, barfuß, irgendwie federnd, ein feines Tuch ums graue Haar geschlungen, kichert die Frau mit der schönen Stimme, Everyday the same man! sagt sie, darf doch nicht wahr sein.
Leute lachen, andere machen einen Bogen, schieben verstört ihre Kinder im teuren Kinderwagen vorbei. Ingrid bäumt sich dann innerlich auf, will nicht, dass man sich über sie lustig macht. Kinder jedenfalls scheint die Schizophrene nicht sonderlich zu mögen, das wird klar. Ingrid schaut auf die erschrockenen Mütter mit den Angstaugen und den fahrenden Glucken-Nestern und kann es ihr auf einmal nicht verdenken, muss lächeln. Der daneben könnte eigentlich auch schizophren sein. Ach nein, denkt Ingrid, der telefoniert ja. Sie schließt die Augen und streckt sich unter der glühenden Sonne lang auf dem Rücken aus. Der Tag des Herbstanfanges ist ein besonderer, das spürt man überall.

Er beispielsweise erzählt, als sie in der Wohnung aufeinandertreffen, er habe heute Morgen versucht, zu meditieren. Es hat nicht zur Gänze funktioniert, sagt er, während er das Wasser für den Mittagskaffee vorbereitet, ich bin ganz aus der Übung, sagte er, aber darum geht es ja auch, darum, sich einzulassen und nichts zu erreichen. Er sagt, es habe so viele Gedanken gegeben, zermürbendes Gedankenpingpong in der Nacht, und morgens habe er diesen Impuls gehabt, nach draußen zu drängen. Das Gras war ganz kühl und die Sonne sanft und klar, sagt er.
Seltsam, entgegnet Ingrid, irgendwann am Vormittag neben der gurgelnden Waschmaschine, als das Licht so wunderschön fleckig durch die geputzten Fenster fällt und das Kaffeewasser bereits in der Maschine ist. Ich auf der anderen Wandseite habe wild geträumt, weißt du, wild aber nicht direkt gut, sagt sie zu ihm. Und du, warst die Figur darin, nimm es mir nicht übel, es passieren ja in der Nacht die skurrilsten Dinge mit dem ganzen Körper. Sie deutet vom Haaransatz bis zu den Fußspitzen, um auch die Seele mit einzuschließen. Entschuldige jedenfalls, dass du dich hast bereiterklären müssen, in diesem Alptraum mitzuspielen, ich hoffe, du hast eine gute Gage bekommen. Es war fürchterlich. Du warst wie ausgetauscht und unberechenbar, weißt du. Ich habe irgendwann heimlich die Tür hinter mir verriegelt. Interessant jedenfalls, dass du auch schlecht geschlafen hast. Ich für meinen Teil, lächelt Ingrid dann, habe in der Nacht Lavendeltee getrunken.
Vielleicht, sagen sie danach, als die Mittagssonne von den Fenstern des Hinterhauses zurückgeworfen wird, vielleicht mögen wir genau das am Herbst, diese Wackeligkeit, die Momente, oft nur von Minutendauer sein können. Es ist herrlich draußen, sagt Ingrid udn blinzelt, ich habe immer das Gefühl, alles einfangen zu wollen, deswegen mag ich den Herbstbeginn. Der Herbst ist Aufbruchstimmung. Genau das, sagt er, ist mir durch den Kopf gegangen letzte Nacht, als die Gedanken gerast sind und der Mond nicht zu sehen war.

Der Kaffee ist fertig und das Telefon klingelt und zwei Wetterfühlige gehen weiter in den Tag hinein.
22.9.16 17:43


An einem Tag stieg Ingrid ins Wasser, um anderen das Schwimmen beizubringen. Das Schwimmbad war sehr klein und lag in einem grünen Park unweit der sechsspurigen Straße. Direkt nebenan wuchs hinter einem niedrigen Eisenzaun ein junger Apfelbaum, im Frühjahr schon waren die Kinder über den Zaun geklettert, um so viele Äpfel zu pflücken, wie sie auf ihren kleinen Händen balancieren und in die fleckigen Säume ihrer T-Shirts hatten stopfen können. Mehr als sie hatten tragen können. Unzählige der grünen, harten Äpfel waren ins Dickicht geplumpst, in den Lüftungsschacht des Schwimmbads, sodass die Kinder sie nicht mehr erreichen konnten und noch ungeduldiger begannen, an dem dürren Baumstamm zu rütteln, Blätter und Blüten prasselten hinunter. Es ist nicht erlaubt, über Zäune zu steigen, man kann das Diebstahl nennen, es hatte wenig genützt, das zu wiederholen, also hatte sie es irgendwann bleiben lassen. Die Kinder liebten das unreife Obst so sehr, dass kein Verbot der Welt sie davon abhielt, wie besessen an dem Baum zu kleben und gierig ihre kleinen Zähne in viel zu saure Äpfel zu schlagen. Sie waren verrückt sogar nach dem bloßen Wort ‚Apfel‘. So wie sie da auf und ab gehopst waren, alle vier, hatte es gewirkt, als würden sie von einem verborgenen Magneten angezogen. Äpfel waren gesünder als blaues Wassereis. Sie würden Bauchschmerzen bekommen. Sie hatten wunderschön gelacht.
Mittlerweile waren einige Monate vergangen. Ingrid hielt das eine Kind fest an der Hand, bis sie das Drehkreuz am Eingang passierten. Das Kind trug ein grünes Sommerkleid, das gut zu seinem roten Haar passte, es hüpfte aufgeregt, alles was es sagte, schrie es eher und dazwischen nagte es fieberhaft auf seinem Fingernagel herum. Seine Schwester hatte schwarzes Haar, lief an einer anderen erwachsenen Hand, von einem grellbunten, mit Luft gefülltem Schwimmring gepolstert, der Ring roch intensiv nach Plastik und erinnerte Ingrid an zeitlose Sommermorgen in einem Planschbecken am Waldrand; das Kind sah aus, als trage es eine luftige Rüstung. Das war gut, denn es konnte zwar nicht aufhören zu grinsen, aber bei dem Gedanken an das Schwimmbad erschauderte es immer wieder. Seit es ihnen die Wohnungstür geöffnet hatte, flüsterte es, ich hab Angst. Kicherte dann.
Als sie sich in das hüfthohe Wasser gleiten ließen, spürte Ingrid, wie sich zwei Arme mit feiner Gänsehaut fest an ihren Hals schlangen. Das dunkle Haar des Kindes kitzelte gemeinsam mit dem Chlorgeruch des Schwimmbads in ihrer Nase. Voller Begeisterung sprang das Kind auf und ab, seine Füße ruderten wild herum, voller Begeisterung, seine Hände klammerten sich dann umso fester an Ingrids Badeanzug. So schwammen sie gemeinsam im kühlen Wasser des Nichtschwimmerbeckens, so lange, dass die Panik des Neuen glücklicher Gewöhnung wich, das Kind quietschte laut und vergaß beinahe alles andere um es herum. Nur seiner Schwester winkte es hin und wieder zu, mit einer Hand, die es dann hastig für eine Sekunde von Ingrids Hüfte löste.
Sie blieben, eine Boje und ein fliegender Fisch, bis alle Lippen blau angelaufen waren.
Draußen schmeckten die Äpfel reif und sie aßen sie mit nassem Haar in der glühenden Herbstsonne.
19.9.16 14:18


13.9.16 00:23


Fließen

Ich würde gerne ein Lied singen, sagte die Frau im Rollstuhl, als die Reihe an ihr war. Ingrid saß ihr gegenüber an diesem Morgen. Durch die geöffnete Tür wehte der Geruch von frisch geschnittenem Gras, die Männer auf den Rasenmähern waren weitergezogen, das Getöse der Motoren war bloß zu einem beruhigenden Summen geronnen. Die Schatten der Pappeln liefen sanft im Raum umher, hin und fort und immer im Kreis, sodass die drei kleinen Leberflecke auf Ingrids Arm in regelmäßigem Rhythmus aufblitzten, als betrachte man eine sich wiederholende Endlosschleife eines minimalistischen Diavortrags. In der Mitte der Runde stand ein kleiner Schemel, auf dem sich die übrig gebliebenen Liederbücher türmten, preiswert kopierte und hinter taubenblaue Deckblätter geheftete Ringbücher, daneben das eigentümliche Stück Holz mit den gedrechselten Rillen, das dort zu Beginn der Stunde von einer anderen Patientin aufgestellt worden war und von dem ein Duft ausging, der sich kaum merklich mischte mit Löwenzahnwiese und Putzmitteln. Orange, irgendwas mit Zitrus jedenfalls, hatte die Frau mit den Tüchern um den Kopf fröhlich geantwortet und behauptet, das passe ganz eindeutig zum heutigen Tag, sowas Frisches heute mal, hatte sie hinzugefügt und gestrahlt, ganz stolz, bevor sie selbst Platz genommen und ihr Kinn scheu in ihrem Pulloverkragen vergraben hatte. Ingrid hielt eigentlich nichts von Tagesdüften, die absichtlich in den Raum gestellt wurden, als handle es sich dabei um ein kostbares Möbelstück. Man würde es schließlich auch alles andere als passend finden, vielmehr ziemlich irritiert sein, fände man etwa in einer Kinderkrabbelgruppe den edlen Sekretär aus Palisanderholz des verstorbenen Urgroßvaters vor; hübsch, zweifellos, aber vollkommen sinnlos. Unpassend und Künstlich und ein fürchterliches Klischee noch dazu. Heute Morgen allerdings mochte Ingrid das Duftgemisch, ebenso wie ihr die wippenden Fußspitzen der Patientin gefielen, die sich im Takt bewegten, vor, zurück, vor zurück. Ingrids Fuß fiel unweigerlich ein, vor, zurück, vor, zurück. Gemeinsames Wippen vor tanzenden Schatten und Rasenmäherklangteppich. Frisch, irgendwie.
Ich würde gerne ein Lied singen. Die Frau im Rollstuhl hob ihren Arm nach oben, als sie sprach, sie meldete sich wie ein Schulmädchen. An ihrem Handgelenk blitzte ein Goldarmband, das sehr fein war. Es passte nicht zu den Beinen der Frau, die in hellen Nylonstrümpfen steckten und Ingrid unweigerlich an aufgeblähte Ballons erinnerten. Beide Füße versteckten sich in grotesken Plastiklatschen in pastellfarbenen Rosatönen von monströsem Ausmaß und blieben sorgsam und leicht voneinander abgewinkelt aufgestellt auf den vorgesehenen Tritten des Rollstuhls. Die Frau trug ein geblümtes Kittelkleid, das über ihre Knie fiel und bequem aussah. Ihr Haar sah ebenso wie der restliche Körper, von den Waden bis zum Doppelkinn, weich aus, glänzend. Ihr Haar war erstaunlich braun, Ingrid fragte sich, wer es wohl für sie färbe. Ob es eine Schwiegertochter gäbe, einen Enkelsohn, ob die Frau auch zu dieser Gelegenheit ihren Arm mit dem Goldbändchen hebe, ich würde jetzt gerne zum Friseur gehen, ich habe ein weißes Haar entdeckt. Ob sie möglicherweise auf diese Weise sogar Stationspflegerinnen an einem Freitagnachmittag gelegentlich überreden konnte. Ingrid schmunzelte.
Die Frau sagte, ach, schlagen Sie doch mal die Seite 68 auf, bitte. Diese sieben Brücken, die finde ich eigentlich so schön und eigentlich, oh, eigentlich würde ich gern am Ende Musik vom Band hören, aber egal, ich hab‘ jetzt was Anderes gefunden. Dann begann sie mit brummender Stimme und doch glockenklar, die Plastiklatschen blieben fest verankert an ihrer Stelle und die bunten Blumen auf dem Kittelkleid bebten, dehnten sich vor, zurück, vor, zurück.
Augustin, Augustin - die Dame mit dem starken Hörgerät lächelte still, während ihre Nachbarin beim Singen laut zu kichern begann. Die Fußspitzen neben Ingrid wippten im Marschtakt, hinter dem Pulloverkragen grinste es und, ging ja gar nicht anders, Ingrid selbst wiegte sich mit ihnen, links, rechts, links, rechts. Die Schatten flossen wie Badewasser mit Latschenkiefergeruch und die Rasenmäher krähten auf und, oh, du lieber Augustin, alles ist hin.
Als sie geendet hatten, erwiderten sie im Kreis das Lachen der Frau im Rollstuhl. Der Augustin, also. Hat ja wirklich gar nichts. Sie kicherte. Aber, vielleicht, ich meine, kann man das nicht auch als Botschaft sehen, nicht immer alles so eng zu sehen? Die Wogen auf ihrem Blumenkittel glätteten sich und das frisch gemähte Gras roch unbeschreiblich gut.
26.8.16 23:57


8.8.16 22:10


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