Ingrid hatte es nun dem Schüttelfrost gleichgetan und sämtliche Verbindungen gekappt. Am Morgen an der Kreuzung hatte sie gefürchtet, einfach am Straßenrand nieder zu gehen, von dort nicht mehr weiter zu können, sodass Vorübergehende sie erst würden aufsammeln und dann forttragen müssen. Sie hatte sich dann bemüht zu atmen, dabei erst war ihr verwundert aufgefallen, dass sie das die ganze Zeit über bereits tat. Sie hatte dann probiert, tiefere Züge von der Luft um sie herum zu nehmen, obwohl das eine Geste und ein Geräusch waren, das sie an gewissen fremden Personen (meist waren es Frauen mit modischen Brillen, die am frühen Morgen auf ihrem gepolsterten Hollandrad sitzend eine Yogamatte im bastgeflochtenen Fahrradkorb transportierten) extrem aggressiv machen konnte. Wenig sonst konnte sie so aufregen, wie die bewusst platzierten, selbstfürsorglichen Atmer der Frauen mit den modischen Brillen. Dabei mochte Ingrid Brillen. Sie hatte auch nichts gegen Frauen, sie fand Atmen eine fantastische Erfindung, weil es immerhin dazu führte, dass das Herz mit Sauerstoff versorgt wurde, sie erinnerte sich, dass sie notiert hatte, sie möge das Leben, und, ganz im Allgemeinen, war sie nur durch Weniges, immer Unvorhergesehenes, überhaupt zu Aggressionen hinzureißen. Unklar, was sie also gegen die Kombination einzuwenden hatte.

Herz unter Wasser, hatte sie gerufen, mitten in einem Meer, das war noch nicht lange her, und an ihrem Rücken hatten sich gewaltige Wellen gebrochen, die salzigen Tropfen waren in alle Himmelsrichtungen gesprungen wie ein Feuerwerkbei Tageslicht. Dieser Ort war weit entfernt von allem, alles, was hier getan werden konnte, war, über Dinge nachzudenken, nachdenkend in den Wellen zu springen, dabei Weisheiten und Erkenntnisse in das Getöse hinauszuschleudern und Ingrid hatte sich bis zum Kinn ins Wasser fallen lassen, Herz unter Wasser, Herz unter Wasser, ganz oder gar nicht, das hatte sie gerufen und sie hatte, -es war ihr Pamphlet zur Nachmittagsstunde- das Herz gar nicht mehr aus dem Wasser holen wollen.

Das Atmen heute Morgen hatte geholfen. Sie hatte ihren Brustkorb und ihre Bauchdecke erst einzeln gespürt. Dann war es gelungen, diese Fragmente zu einem Körper zusammen zu setzen, in dem sie war. Ingrid fühlte sich zwar immer noch zersplittert, das aber als Ganzes. Das musste man erst einmal schaffen. Der Schwindel, der sie beinahe hatte, aufgeben lassen, war gewichen und sie hatte ihren Weg ruhig und konzentriert fortsetzen können. Verlangsamt zwar, aber als Ganzes. Den Blick zum Boden, da kapierte sie mehr, was vor sich ging.
Man kann sich, über diese Worte stolperte sie nun erneut -alles dreht sich und dreht sich- doch nicht von Juni zu Juni hangeln, nur weil man sonst nirgendwo hängt.

Ingrid hatte sich dann ein Ticket gekauft. Es gab noch einen Schalter in der Stadt, an dem man die gekauften Fahrkarten tatsächlich noch persönlich und durch Handarbeit gestanzt in Empfang nehmen konnte. Sie hätte die Karte nicht an einem Automaten kaufen wollen, es hätte ihr weh getan.
Sie hatte dann am Gleis gewartet, ganz ruhig, viel zu ruhig. Der Zug war eingefahren und sie hatte ihren reservierten Platz ohne Schwierigkeiten gefunden. Zum Glück handelte es sich um einen alten Zug, in dem man das Abteilfenster aufstemmen konnte. Der Fahrtwind stob herein und das Geräusch des fahrenden Zuges auf den Gleisen war ohrenbetäubend. Doch das war gut, denn Ingrid konnte den Tag nur am geöffneten Fenster aushalten.
Sie fuhr. Man fuhr sie. Sie trug ihren alten royalblauen Mantel, darin steckte das ausgestanzte Zugticket. Das war der Tag, an dem Ingrid wieder nach Norwegen fuhr.
15.6.17 00:19


Manchmal kommt es,
Dass Worte abgewogen werden
Wie eine mächtige Chemikalie
Die nicht zu hoch dosiert werden darf -
Eine Pille davon darf nicht umbringen
Sie soll nicht mal bitter schmecken
Man soll sich nicht ekeln.
Die Worte werden also
zu astronomisch kleinen Gewichten berechnet
eine sensible Waage braucht es dafür:
legte man einen ganzen groben Satz auf die Schale
spränge der Messzeiger
glatt aus der Feder
und wer weiß –
wer
getroffen würde.

Es kommen Zeiten
in denen Worte
wie Medikamente gehandelt werden
- Unbegreiflicherweise -
ohne,
dass man krank wäre,
ohne, dass man sich eigentlich sorgen müsste
um die Schädlichkeit von Sätzen.
Man könnte einfach gemeinsam
lachen oder auch
schreien.
Sorgen müsste man sich vielmehr
Um die plötzliche Lähmung,
die Medikation des Ausdrucks nämlich,
Denn
wenn das einzige Mittel, das jemals half
auf einmal wirkungslos wird
wenn man sie nicht mehr verwenden kann
- Die Sprache-
was ist da im Gange und
(das beängstigt und schmerzt)
Wie
Nach draußen?

Lingupharmazisierung
Nennt der Experte wohl
diesen unverständlichen Zustand.
Er rät zur Akzeptanz, denn
ein Risiko besteht:
Ernste Nebenwirkungen
wurden beobachtet
an einigen:
heftige Beschwerden
klinisch relevanter
Lingupharmadramatisierung.

Dabei wäre alles
was das Bauchweh vertrieben
die Migräne behoben
die Panik verscheucht
und die Träume zurückgeholt hätte
eine ofenfrische Madeleine
zwei pechschwarze Kaffee
drei Stunden Tanzen
und gemeinsames Lachen.
3.6.17 23:44


2.6.17 23:16


25.5.17 00:19


Wasser schwappt
Durch drei Fensterscheiben hindurch betrachtet
Graugrün.
-
-
Zäh.
-
Darauf die Gischt der Sanssouci:
Wellenkämmchen (auf einmal doch)
Leicht, in Silberfunkeln
Tanzend auf trüber Wassermasse.

Als Zwilling des Ausblicks
Schwappe auch ich –
Betrachtet durch mehrere Fenster-
Mal träge, mal aufgepeitscht, mal intransparent,
mal sauerstoffarm, mal prickelnd

Mal im Wiegenschritt von der Sanssouci
überfahren.
24.5.17 23:51


Ingrid mochte Pusteblumen. Das war problemlos möglich, da sie ihre Historie stählern vor jeglichen Allergien abgeschirmt hatte. Sie mochte den Geruch der Wiese, die unter dem Aprilhimmel sattgrün zu wuchern begonnen hatte und deren Halme sie in den Ohren kitzelte, während einzelne Regentropfen auf ihre Nase hinabtanzten und zerschellten. Sie mochte das Gefühl von Aufgewühltheit und jene von körperlicher und geistiger Erschöpfung, weil alle drei ihr zeigten, dass sie es mitten hinein ins Leben geschafft hatte. Dass sie vorhanden war.
Ingrid hatte in letzter Zeit nur sehr spärliche Versuche unternommen, die Tage um sie herum zu protokollieren. Sie war wenige Jahrzehnte alt, ihr Gehirn schien in voller Blüte zu stehen, die zweifelte nicht, dass ihr Gedächtnis alle Erinnerungen speicherte. Das beruhigte sie und sie konnte Großteile des Tages anderen Aktivitäten widmen.
Ingrid war in den vergangenen Wochen auf eine unbedachte Art glücklich gewesen. Sie hatte sogar hin und wieder Langeweile verspürt, was sie als eindeutigen Fortschritt wertete, weil es sie hinaustrieb und sie bemerkte, dass sie sich selbst nicht genügte, ohne sich dabei zu verdammen.
Sie hatte oft Gedankengebilde entworfen und die Zukunft mit sanften Bleistiftstrichen vor sich gezeichnet gesehen. Sie hatte Kleidung getragen, die kaum mehr an norwegische Schafswolle erinnerte, der azurblaue Mantel staubte in der hintersten Ecke des Schrankes vor sich hin. Ingrid hatte, ohne sich zu verleugnen, ihre Geschichte für notwendig doch nebensächlich fein säuberlich in ihrer Kommode verstaut. Es fühlte sich gut an und befreite sie von einem schweren Gewicht, das sie sonst oftmals auf ihrem Rücken lagern spürte.
Ingrid träumte. Ingrid versuchte, nicht zu sehr über sich nachzudenken. Ingrid schaute hinaus und den Menschen in die Augen. Ingrid sagte sich, dass das alles sei, was sie der Welt schuldig sei. Ingrids Herz tanzte. Ingrid beruhigte sich mit dem Gedanken, dass es ebenso normal sei, hin und wieder ein schlafendes Herz mit sich herum zu tragen.
Ingrid war überwältigt von der Schönheit des Meeres, den Feinheiten der menschlichen Mimik, von grünen Augen und den Gesängen früher Amseln. Ingrid glaubte sich so stabil, dass sie selbst in verzweifelten Minuten gerne auf die Anwesenheit anderer bauen wollte.
Ingrid bemühte sich. Wirklich.
Und dann fragte sie sich, ob alles ausreichte, oder ob sie nicht doch viel zu simpel gestrickt sei für ein Leben ohne Schüttelfrost.
Über den Dächern zogen Wolken auf und sie goss die Margeriten auf ihrem Balkon zeitgleich mit dem einsetzenden Regen. Es war ihr egal.
29.4.17 21:49


Kann eine Melancholie
Bloß wenn Eine (die mir sogar beinahe fast fremd ist)
danach sucht,
zwei Raumbegrenzungen von mir entfernt aber eben doch –

kann diese eine Melancholie
(die Vielköpfig ist, so vielköpfig,
so viele Köpfe kann gar kein Monster haben,
nein, es sind zu viele unterschiedliche!)

kann solch eine Melancholie
am Ende hindurchdiffundieren
durch solide Begrenzungen der Arbeitsplätze
kann sie hinüberschwappen
über die vielen Tische,
nähert sie sich schließlich meinem Nacken
um,
gemeinsam mit dem eisblauen Sonnenlicht
in mein Ohr zu fließen?
Ist das so.

Sie vergifteten sich immerhin
durch winzige Einträufelungen
in ihre Ohren,
so liest man und so spielte es sich ab
früher, in den Dramen
- aber -
ist denn
eine Melancholie eine
einzige Vergiftung?

Das versucht sie bestimmt herauszufinden,
sie, einige Raumelemente von mir entfernt.
Ich aber sitze nicht an ihrem Platz
es geht um andere Dinge bei mir.
Vielleicht erfasst mich trotzdem kurz
eine Welle von ihrer Flut –
Dabei aber
hängt
meine eigene plötzliche Träne
An etwas ganz Anderem
Als an einem Weltschmerz der
wie Staubflusen
durch den aufgewärmten stahlsonnenen Raum
segeln mag.

Es ist gar keine Melancholie
und das ist doch auch mal ein schönes Lied
das aus dieser Erkenntnis wird.
Während der Abseilung meiner Träne
Bin ich überfragt, fraglos,
Und vielleicht genügt mir diese Sprachlosigkeit:
Genug
Zu wissen, dass es mich in diesem Moment
Kaltwarm erwischt hat
(Nicht aber eis! Nicht aber lau!)
Ist genug, das
Ist gar keine Melancholie das.

In dem Moment, als ich Fragmentarisches lese
und Musikflüssiges höre
- zwei Gegensätze also-
Und ich so fest daran halten will,
dass es schmerzt
hinterm Solarplexus und hinter der Iris
und alles, was da hilft,
meine eigene klare Tränenweberei ist.
Ist gar keine Melancholie im Nacken,
sowas,
das.
27.2.17 16:04


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