13.12.17 08:32


Pausen sind wichtig, hatte sie gesagt. Sie hatte Ingrid dabei ermunternd angeblickt. Ingrid hatte ihr gegenüber gesessen, hatte hin und wieder den Raum gemustert. Es gab noch eine Grünpflanze, eine einzige, ein niedriges Bücherregal mit Büchern, deren Einbände alle einfarbig gehalten waren, einen kleinen Schreibtisch zu Ingrids Rechten, daneben ein Fenster, dessen weiße Vorhänge zurückgezogen waren. Es hatte keine Fensterbank und gab den Blick auf das Nachbarhaus frei. Im Haus auf der anderen Seite der Straße lebten Menschen, die Ingrid selten zu Gesicht bekommen hatte. Zwei der Wohnungen besaßen auf der Höhe, in der sie sich befanden, jeweils eine Dachterrasse. Am Morgen ließen sich manchmal Tauben auf deren Balustraden nieder. Hin und wieder zeigte sich eine Person, die draußen die spärlichen Topfblumen goss. Das Zimmer selbst war eher schmal. Die Wände weiß und nicht an allen Stellen sauber gestrichen.

Ingrid hatte genickt und den Blick erwidert, so sehr war sie nicht abgeschweift. Ja, vielleicht stimmt das, hatte sie gesagt, vielleicht ist das richtig und ich habe in sehr sehr langer Zeit gar keine Pause gemacht. Auch, wenn ich es nicht gemerkt habe, auch, wenn es mir eher scheint, als sei das Gegenteil der Fall. Vielleicht weiß ich eigentlich nicht, was das ist, eine Pause. Pausen sind vermutlich Räume, in denen man sich nicht mit etwas ablenkt, das einem das Pausieren verwehrt. Das ist nicht gerade meine Stärke. In Pausen beginnt man noch nichts Neues, jedenfalls nicht ohne weiteres.
Ist das so, hatte Ingrid gedacht. Du meine Güte, ich habe nicht die leiseste Ahnung. Ich habe nur Furcht, dass eine Pause die Leere zwischen zwei spannenden Unterrichtsstunden ist. Und ich habe Angst, dass ich mich darin bisher immer geirrt und all die guten Pausenzeiten niemals genutzt habe. Aber das, dachte sie, kann man nun wahrlich nicht rückgängig machen, ich habe immerhin mein Bestes gegeben. Ich habe ja nur nicht abwarten wollen, ich hab mich einfach immer so auf das Danach gefreut.
Ingrid hatte am Bücherregal vorbei zum Fußabtreter geblickt und auf einmal war ihr sehr leicht geworden. Sie hatte gewusst, dass eine Pause in diesem Raum schlicht unmöglich war. Ihr war sehr warm am Herzen geworden, und das waren zur Abwechslung keinesfalls Eruptionen am offenen Herzen gewesen.
Es hatte plötzlich Tränen aus ihren Augen gegeben und während sie nickte, hatte sie gelächelt. Sie hatte sich Salz und Rotz von den Lippen gewischt und sanft und deutlich gesagt: Ich möchte eigentlich lieber nichts mehr erzählen, und das wollte ich so gerne sagen.
Viel später durchquerte sie im Morgennebel die Stadt. Das Licht war trotzdem ganz hell und die Kälte gut, besonders wenn man Handschuhe trug. Auf den Dächern der Stadt sah sie an diesem Morgen gleich zweimal Figuren, die sie zu kennen glaubte. Wenn Ingrid dann nicht anders konnte, als drei, vier, fünfmal hochzublicken, wandten sich die Umrisse irgendwann um und entpuppten sich so jedes Mal als professionelle Dachdecker. Dies geschah Ingrid den gesamten Tag über und nicht immer handelte es sich bei den aufgetauchten Täuschungen um das identische Haus. Ingrid musste lachen und schüttelte auf dem Heimweg beim Vorbeifahren den Kopf. Das war der Tag, der sich teilweise auf den Dächern abspielte.
Vieles, was man in Pausen macht, ist neu, alles hat mit dem Davor zu tun, denn Pausieren ist zum Abschließen da; manchmal beginnt dort auch etwas, ja warum denn nicht. Ingrid prostete dem Abend zu, Leere fühlte sie ganz und gar nicht.
30.11.17 00:30


24.11.17 20:56


A

B
11.11.17 22:17


Place de la Liberté, Café de France. (Schon diese Angaben wirken wie schlecht ausgedacht, wie das miserabel hingekleckste Klischee einer französischen Fiktion. Sind sie aber nicht. Sie stimmen. Sie sind echt.)
Dort drinnen, echohaft dumpf, hinausgetragen bis zu den Platanen, den überdrehten Tauben, dem kleinen gelben Tischchen spielt die Anlage Buena Vista Social Club.

Nirgendwo lässt sich den Erinnerungen entkommen.
Also weißt du noch damals, neulich, wie sagt man. Weißt du noch an diesem Abend in der Küstenstadt, zwischen der Handvoll weiterer Touristen, draußen das dunkle Meer, vielleicht schon die Nacht, drinnen die Heizpilze, der frische Fisch auf den Tellern und - die Kubaner aus den Lautsprechern. Die Forelle auf dem Teller, die fremden Worte auf der Speisekarte, der Ausblick auf die schwarzen Wellen und dabei das Nachdenken über diese universalen Gassenhauer, die man nach dem ersten Akkord bereits als solche identifiziert, die überall auf der Welt in ihrer alten Vertrautheit lauern. Also, Buena Vista Social Club und die Authentizität von Orten, weißt du noch.
Wir versuchten, dem ersten Reflex der Abscheu nicht nachzukommen. Im Übrigen klingt Chan Chan doch auch so schön, das würde man sonst ja vergessen müssen. Wir befanden, dass manche Orte durch das Geplänkel der einschlägigen Musik nicht verfälscht würden, dass das Gegenteil zutreffen kann. Manche Orte bestehen im besten Sinnen aus Buena Vista Social Club, sie werden erst dadurch gekennzeichnet und ausgezeichnet, es ist alles andere als unauthentisch. Es ist nicht zum Belächeln, es ist echt.

Liberté, France eben. Der Wirt hier ist noch unsicher, ob dem so ist. Vielleicht ist er ehrlich um die Echtheit seines Ortes besorgt (vielleicht liebt er zu sehr die glatte Platanenrinde, an der sich Sonnenfetzen brechen, das Glockengesinge der Cathedrale- man kann es ihm nicht verdenken). Der freundlich aussehende Mann mit den schmalen Augen und dem blauen Rollkragenpullover findet keine Ruhe: Er wechselt von Chan Chan zu aufgewühlter Rockmusik. Er bricht den Krach ab. Eine laszive Frauenstimme singt zu Elektropop. Wieder eine Pause. Die 70er folgen. Vielleicht bereut dieser Mann seine Entscheidung, seine Brasserie ausgerechnet an diesem zentralen beliebten Platz eröffnet zu haben, denn die Kundschaft ist gleichzeitig ein Segen und ein Fluch und glaubt man den landläufigen Ratschlägen sind achtzig Prozent aller Reisenden weltweit nunmal einzig und allein durch Buena Vista ruhig und glücklich zu stellen! Hat ihm erst gestern Abend Jean von nebenan beim dritten Bier erzählt, Jean mit seinem Steakhaus, Jean, der behauptet, er habe eine Goldgrube ausgehoben. Dies Dilemma bekommt man aufgebürdet, denkt der Wirt, wenn man Geschäft und Geschmack miteinander zu vereinen sucht.
Vielleicht wartet der Wirt darauf, zu Hause endlich gute Musik zu hören, die ihm und seinem Heimatort entspricht.
Vielleicht allerdings hat er auch einfach einen sehr schlechten Musikgeschmack.
Beide Versionen sind möglich und ich werde zu keinem abschließenden Urteil kommen können.
In jedem Fall merke ich an dieser Unstimmigkeit, dieser eventuellen Unsicherheit des Wirtes (der in diesem Fall auch DJ ist) die Verschiedenheit dieses Ortes hier zur abendlichen Küstenstadt. Ohne sagen zu können, welchen ich bevorzugte (ich mag beide gleich gerne), sind die Wesen dieser beiden Orte gänzlich verschieden. Hier passt einfach kein Buena Vista Social Club, denke ich. Hier geht echt anders.
Ein Pärchen im Seniorenalter mit Sprachbehinderung lässt sich an den Nachbartisch plumpsen und winkt lauthals und gestikulierend den Wirt und seine Kollegin herbei, um ihnen die Hände zu schütteln. Eine desorientierte Taube spielt etwa 30 Zentimeter über dem Asphalt aufgeregt mit einem orange leuchtenden Platanenblatt.
Auch wenn du nicht antworten wirst, ob du dich erinnern kannst, bin ich froh, dass ich mich erinnert habe. Die Erinnerung führt auf diese Art von Ort zu Ort und sie hilft, an neuen Orten weiterzukommen. Ich erinnere mich gerne und im besten Fall führt es weiter.
4.11.17 21:13


4.11.17 12:23


21.10.17 02:55


 [eine Seite weiter]

Gratis bloggen bei
myblog.de

" width="850" height="550"; scroll="no">