19.7.17 00:40


Es war nichts so gekommen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Ihre Erwartungen waren nicht bestätigt worden und Ingrid begriff zum ersten Mal in ihrem Leben, dass sich irgendwann immer alles verändert. Es gibt Veränderung, soso. Alle Karten werden zu jedem Zeitpunkt gemischt, aha. Wann wird dann eigentlich gespielt? Jedenfalls, wenn nichts einem festen Muster folgt (was wiederum nicht heißt, dass es keine festen Muster gebe! Oh nein, alles andere als das), dann jedenfalls kann der Umsturz schnell geschehen oder schleichend über die Jahre hinweg, wie auch immer. Alles aber, was feststeht, ist, dass man keine Vorhersagen treffen kann. Gibt’s nicht. Geht nicht. Man mag sich selbst noch so gut kennen, dann geschieht es eben doch, dass man selbst anders auf die vermeintlich bekannten Stückchen Welt antwortet, als man es immer gewohnt war. Man reagiert auf einmal unerwartet, damit beginnt es schon. Versteht sich selbst nicht mehr. Und wenn dann noch die Welt in ihren Antworten variiert – na, was kann man da schon sagen, wie es kommen wird.
Ingrid stand da nun also in Oslo, fernab des Bahnhofs. Die Landstraße, die zur Küste führte, der Wind, der ging, das Wasser, das sich durch blassen Dunst ankündigte, der Schweiß, der ihr unter dem Reisegepäck den Rücken hinunter rann, der Wind – wieder der- der ihr durch das formlose Haar fuhr, der Schweiß – das auch, trotz Wimpernkranz- der in ihr leicht entzündetes Auge floss. All die Landschaft vor ihr, all die Singvögel, die durch das Bild glitten, all die Stille, die immer genauso geklungen hatte, wie gut sie die kannte, die Stille dieses Ortes. Wie sie sich die Schönheit des Meeres vorstellen konnte, weil es immer ähnlich schön war, wie sehr sie die kannte, die Schönheit dieses Ortes.
Und sie stand dort, knietief im Sauerampfer und sie hasste es. Die Stille brummte in ihren Ohren und vor Abscheu gegen die Schönheit hätte sie kotzen können. Ingrid stand da und verwünschte Norwegen und würde niemals mehr sentimentale Postkarten mit debil dreinschauenden Wollschafen verschicken, sie wollte das gesichtslose Meer dort, 500 Meter Luftlinie entfernt, unter keinen Umständen sehen, sie würde den Teufel tun und ein Souvenir in ihrer Manteltasche mitnehmen, alberne Muscheln, nichtssagende Steine, egoistischer Ballast. Und überhaupt, dieser Mantel. Der Mantel war an allem Übel schuld, warum überhaupt trug sie einen ollen, verstaubten Mantel, dessen wichtigste Eigenschaft seine poetischen Farbbezeichnungen waren!
Ingrid schrie. Sie schleuderte den Rucksack in die Wachholderbüsche, sie riss sich den Mantel herunter und zerrte so lange an einem der Ärmel, bis sich die Wolle tatsächlich aufribbelte und sie den Mantel entzwei teilen konnte, bis sie ihn vollständig zerstört hatte. Sie schubste seine Reste mit dem Fuß in den nächsten Ameisenhügel und dann rannte sie.
Sie verfing sich im Sauerampfer, der auf einmal einer Schlingpflanze glich und verteufelt hinterhältig ihre Knöchel angriff. Ingrid hatte noch nie ungelenker ausgesehen, sie war sich noch nie unfähiger vorgekommen, weil sie doch nur rennen wollte, und selbst das nur mäßig gelang. Irgendwann aber war das Sauerampferfeld überquert. Ingrid wollte nur noch nach Hause.
8.7.17 18:24


26.6.17 14:32


Ingrid hatte es nun dem Schüttelfrost gleichgetan und sämtliche Verbindungen gekappt. Am Morgen an der Kreuzung hatte sie gefürchtet, einfach am Straßenrand nieder zu gehen, von dort nicht mehr weiter zu können, sodass Vorübergehende sie erst würden aufsammeln und dann forttragen müssen. Sie hatte sich dann bemüht zu atmen, dabei erst war ihr verwundert aufgefallen, dass sie das die ganze Zeit über bereits tat. Sie hatte dann probiert, tiefere Züge von der Luft um sie herum zu nehmen, obwohl das eine Geste und ein Geräusch waren, das sie an gewissen fremden Personen (meist waren es Frauen mit modischen Brillen, die am frühen Morgen auf ihrem gepolsterten Hollandrad sitzend eine Yogamatte im bastgeflochtenen Fahrradkorb transportierten) extrem aggressiv machen konnte. Wenig sonst konnte sie so aufregen, wie die bewusst platzierten, selbstfürsorglichen Atmer der Frauen mit den modischen Brillen. Dabei mochte Ingrid Brillen. Sie hatte auch nichts gegen Frauen, sie fand Atmen eine fantastische Erfindung, weil es immerhin dazu führte, dass das Herz mit Sauerstoff versorgt wurde, sie erinnerte sich, dass sie notiert hatte, sie möge das Leben, und, ganz im Allgemeinen, war sie nur durch Weniges, immer Unvorhergesehenes, überhaupt zu Aggressionen hinzureißen. Unklar, was sie also gegen die Kombination einzuwenden hatte.

Herz unter Wasser, hatte sie gerufen, mitten in einem Meer, das war noch nicht lange her, und an ihrem Rücken hatten sich gewaltige Wellen gebrochen, die salzigen Tropfen waren in alle Himmelsrichtungen gesprungen wie ein Feuerwerkbei Tageslicht. Dieser Ort war weit entfernt von allem, alles, was hier getan werden konnte, war, über Dinge nachzudenken, nachdenkend in den Wellen zu springen, dabei Weisheiten und Erkenntnisse in das Getöse hinauszuschleudern und Ingrid hatte sich bis zum Kinn ins Wasser fallen lassen, Herz unter Wasser, Herz unter Wasser, ganz oder gar nicht, das hatte sie gerufen und sie hatte, -es war ihr Pamphlet zur Nachmittagsstunde- das Herz gar nicht mehr aus dem Wasser holen wollen.

Das Atmen heute Morgen hatte geholfen. Sie hatte ihren Brustkorb und ihre Bauchdecke erst einzeln gespürt. Dann war es gelungen, diese Fragmente zu einem Körper zusammen zu setzen, in dem sie war. Ingrid fühlte sich zwar immer noch zersplittert, das aber als Ganzes. Das musste man erst einmal schaffen. Der Schwindel, der sie beinahe hatte, aufgeben lassen, war gewichen und sie hatte ihren Weg ruhig und konzentriert fortsetzen können. Verlangsamt zwar, aber als Ganzes. Den Blick zum Boden, da kapierte sie mehr, was vor sich ging.
Man kann sich, über diese Worte stolperte sie nun erneut -alles dreht sich und dreht sich- doch nicht von Juni zu Juni hangeln, nur weil man sonst nirgendwo hängt.

Ingrid hatte sich dann ein Ticket gekauft. Es gab noch einen Schalter in der Stadt, an dem man die gekauften Fahrkarten tatsächlich noch persönlich und durch Handarbeit gestanzt in Empfang nehmen konnte. Sie hätte die Karte nicht an einem Automaten kaufen wollen, es hätte ihr weh getan.
Sie hatte dann am Gleis gewartet, ganz ruhig, viel zu ruhig. Der Zug war eingefahren und sie hatte ihren reservierten Platz ohne Schwierigkeiten gefunden. Zum Glück handelte es sich um einen alten Zug, in dem man das Abteilfenster aufstemmen konnte. Der Fahrtwind stob herein und das Geräusch des fahrenden Zuges auf den Gleisen war ohrenbetäubend. Doch das war gut, denn Ingrid konnte den Tag nur am geöffneten Fenster aushalten.
Sie fuhr. Man fuhr sie. Sie trug ihren alten royalblauen Mantel, darin steckte das ausgestanzte Zugticket. Das war der Tag, an dem Ingrid wieder nach Norwegen fuhr.
15.6.17 00:19


Manchmal kommt es,
Dass Worte abgewogen werden
Wie eine mächtige Chemikalie
Die nicht zu hoch dosiert werden darf -
Eine Pille davon darf nicht umbringen
Sie soll nicht mal bitter schmecken
Man soll sich nicht ekeln.
Die Worte werden also
zu astronomisch kleinen Gewichten berechnet
eine sensible Waage braucht es dafür:
legte man einen ganzen groben Satz auf die Schale
spränge der Messzeiger
glatt aus der Feder
und wer weiß –
wer
getroffen würde.

Es kommen Zeiten
in denen Worte
wie Medikamente gehandelt werden
- Unbegreiflicherweise -
ohne,
dass man krank wäre,
ohne, dass man sich eigentlich sorgen müsste
um die Schädlichkeit von Sätzen.
Man könnte einfach gemeinsam
lachen oder auch
schreien.
Sorgen müsste man sich vielmehr
Um die plötzliche Lähmung,
die Medikation des Ausdrucks nämlich,
Denn
wenn das einzige Mittel, das jemals half
auf einmal wirkungslos wird
wenn man sie nicht mehr verwenden kann
- Die Sprache-
was ist da im Gange und
(das beängstigt und schmerzt)
Wie
Nach draußen?

Lingupharmazisierung
Nennt der Experte wohl
diesen unverständlichen Zustand.
Er rät zur Akzeptanz, denn
ein Risiko besteht:
Ernste Nebenwirkungen
wurden beobachtet
an einigen:
heftige Beschwerden
klinisch relevanter
Lingupharmadramatisierung.

Dabei wäre alles
was das Bauchweh vertrieben
die Migräne behoben
die Panik verscheucht
und die Träume zurückgeholt hätte
eine ofenfrische Madeleine
zwei pechschwarze Kaffee
drei Stunden Tanzen
und gemeinsames Lachen.
3.6.17 23:44


2.6.17 23:16


25.5.17 00:19


 [eine Seite weiter]

Gratis bloggen bei
myblog.de

" width="850" height="550"; scroll="no">