A

B
11.11.17 22:17


Place de la Liberté, Café de France. (Schon diese Angaben wirken wie schlecht ausgedacht, wie das miserabel hingekleckste Klischee einer französischen Fiktion. Sind sie aber nicht. Sie stimmen. Sie sind echt.)
Dort drinnen, echohaft dumpf, hinausgetragen bis zu den Platanen, den überdrehten Tauben, dem kleinen gelben Tischchen spielt die Anlage Buena Vista Social Club.

Nirgendwo lässt sich den Erinnerungen entkommen.
Also weißt du noch damals, neulich, wie sagt man. Weißt du noch an diesem Abend in der Küstenstadt, zwischen der Handvoll weiterer Touristen, draußen das dunkle Meer, vielleicht schon die Nacht, drinnen die Heizpilze, der frische Fisch auf den Tellern und - die Kubaner aus den Lautsprechern. Die Forelle auf dem Teller, die fremden Worte auf der Speisekarte, der Ausblick auf die schwarzen Wellen und dabei das Nachdenken über diese universalen Gassenhauer, die man nach dem ersten Akkord bereits als solche identifiziert, die überall auf der Welt in ihrer alten Vertrautheit lauern. Also, Buena Vista Social Club und die Authentizität von Orten, weißt du noch.
Wir versuchten, dem ersten Reflex der Abscheu nicht nachzukommen. Im Übrigen klingt Chan Chan doch auch so schön, das würde man sonst ja vergessen müssen. Wir befanden, dass manche Orte durch das Geplänkel der einschlägigen Musik nicht verfälscht würden, dass das Gegenteil zutreffen kann. Manche Orte bestehen im besten Sinnen aus Buena Vista Social Club, sie werden erst dadurch gekennzeichnet und ausgezeichnet, es ist alles andere als unauthentisch. Es ist nicht zum Belächeln, es ist echt.

Liberté, France eben. Der Wirt hier ist noch unsicher, ob dem so ist. Vielleicht ist er ehrlich um die Echtheit seines Ortes besorgt (vielleicht liebt er zu sehr die glatte Platanenrinde, an der sich Sonnenfetzen brechen, das Glockengesinge der Cathedrale- man kann es ihm nicht verdenken). Der freundlich aussehende Mann mit den schmalen Augen und dem blauen Rollkragenpullover findet keine Ruhe: Er wechselt von Chan Chan zu aufgewühlter Rockmusik. Er bricht den Krach ab. Eine laszive Frauenstimme singt zu Elektropop. Wieder eine Pause. Die 70er folgen. Vielleicht bereut dieser Mann seine Entscheidung, seine Brasserie ausgerechnet an diesem zentralen beliebten Platz eröffnet zu haben, denn die Kundschaft ist gleichzeitig ein Segen und ein Fluch und glaubt man den landläufigen Ratschlägen sind achtzig Prozent aller Reisenden weltweit nunmal einzig und allein durch Buena Vista ruhig und glücklich zu stellen! Hat ihm erst gestern Abend Jean von nebenan beim dritten Bier erzählt, Jean mit seinem Steakhaus, Jean, der behauptet, er habe eine Goldgrube ausgehoben. Dies Dilemma bekommt man aufgebürdet, denkt der Wirt, wenn man Geschäft und Geschmack miteinander zu vereinen sucht.
Vielleicht wartet der Wirt darauf, zu Hause endlich gute Musik zu hören, die ihm und seinem Heimatort entspricht.
Vielleicht allerdings hat er auch einfach einen sehr schlechten Musikgeschmack.
Beide Versionen sind möglich und ich werde zu keinem abschließenden Urteil kommen können.
In jedem Fall merke ich an dieser Unstimmigkeit, dieser eventuellen Unsicherheit des Wirtes (der in diesem Fall auch DJ ist) die Verschiedenheit dieses Ortes hier zur abendlichen Küstenstadt. Ohne sagen zu können, welchen ich bevorzugte (ich mag beide gleich gerne), sind die Wesen dieser beiden Orte gänzlich verschieden. Hier passt einfach kein Buena Vista Social Club, denke ich. Hier geht echt anders.
Ein Pärchen im Seniorenalter mit Sprachbehinderung lässt sich an den Nachbartisch plumpsen und winkt lauthals und gestikulierend den Wirt und seine Kollegin herbei, um ihnen die Hände zu schütteln. Eine desorientierte Taube spielt etwa 30 Zentimeter über dem Asphalt aufgeregt mit einem orange leuchtenden Platanenblatt.
Auch wenn du nicht antworten wirst, ob du dich erinnern kannst, bin ich froh, dass ich mich erinnert habe. Die Erinnerung führt auf diese Art von Ort zu Ort und sie hilft, an neuen Orten weiterzukommen. Ich erinnere mich gerne und im besten Fall führt es weiter.
4.11.17 21:13


4.11.17 12:23


21.10.17 02:55


Nein, sie benötigte die Fallen nicht mehr. Sie benötigte überhaupt nur noch sehr wenig. Sie erinnerte sich an das Bonmot eines lange zurückliegenden Jahres: Solange die Sockenschublade aufgeräumt ist, kann im übrigen Leben fast unbegrenztes Chaos herrschen – es macht nichts aus. Ingrid besaß überhaupt nur noch eine Sockenschublade, den Rest nahm sie hin als Orchestrierung sonstiger Dinge, deren Dirigat nicht ihre Aufgabe war. Vielleicht betrachtete sie sich eher selbst als ein Teil des Orchesters. Ein Instrument, dessen Eigenartikulation ebenso eigen wie jene der sämtlichen übrigen Instrumente ist. Sollte jemandem eine symphonische Interpretation vorschweben -dann, bitte, solle er doch eine klare Ansage an alle machen. Ansonsten würde sie sich einfügen in das unvorhersagbare tägliche Improvisieren der Instrumente, sie gab keinen Pfifferling auf Symphonien. Manchmal konnte sie einen Gefallen an Symphonien finden, eigentlich jedoch stand ihr der Kopf nach etwas anderem. Ihr war nach mehr Unordnung und mehr Freiheit und mehr repetitiven Melodien in spontanem tutti. Sie verlangte, dass man ihre Intonation respektierte. Ingrid rollte blaugestreifte und graugepunktete Sockenpaare ineinander, legte sich auf den Fußboden und schaute an den Silhouetten der Topfpflanzen vorbei auf die weiße Wand. Sie suchte nach dem Wort.
Sie hatte alle Winkel gesäubert und war mit jeder Schublade ihres Daseins bekannt, sie hatte etwa fünf Tonnen überflüssiger Dinge entfernt, die Räume lagen überschaubar vor ihr. Kisten, um deren Inhalt sie nicht trauern würde, sollte ein Orkan ihn zerfetzen. Ein einziges Kästchen mit allen Reliquien, die sie im Falle eines Schwelbrandes packen und nicht loslassen würde. Ingrid besah sich die unspektakuläre, gute Festung für alle Zeiten des Tages. Eine Festung, die vielleicht mehr eine Basisstation war. Eine, von der man aufbrechen kann. Sie saß auf gepackten Koffern vor weißen Wänden.
Sie suchte nach dem Wort. Sockodium, ein Schubladium. Eine Schubsockette. Vielleicht war es das. Vielleicht war sie das.
Sie wusste nicht, ob alles da war, oder aber alles fehlte.
20.10.17 11:28


Es war die Maus gewesen, die Ingrid durch die vergangenen Monate gebracht hatte. Es handelte sich, und dies war das Interessante, was es zu diesem Tier zu sagen gab, um eine psychosomatische Maus. Eine Maus aus der Familie der muroidea somatopsychae hatte sich da in Ingrids Wohnung eingenistet.
Man trifft nicht oft auf diese Untergattung, die an sich eine scheue Spezies ist. Ängstlich, flink, eigenbrödlerisch und geprägt von einem schwer auszubalancierenden Dilemma ihres Wesens, dem ewigen Schwanken nämlich zwischen Domestizierung und Wildheit.
Schenkt man spärlichen Fachartikeln Glauben, so ist die muroidea sp. ein zierliches Wesen, über dessen genaues Aussehen sich die Forschung allerdings äußerst widersprüchlich äußert.
Das Lexikon gibt an, dass das Tier ein silbergraues Fell besitze, was es ihm ermögliche, sich chamäleongleich seiner Umwelt anzupassen. Unterstützung findet diese Argumentation einer Verschmelzung mit ihrem Umfeld durch vereinzelte Arbeiten der Farbpsychologie, die Grau wiederholt als die harmonischste und daher „beste“ aller Farben aufführen. Populärwissenschaftliche Beiträge zitieren immer wieder hauptsächlich einen isländischen Pensionär und ehemaligen Volksschullehrer, der nach eigenen Aussagen seit drei Jahrzehnten mit einem Tier der besagten Art zusammenlebt und der aufgrund seiner persönlichen Erfahrung darauf beharrt, die psychosomatische Maus beeindrucke ausnahmslos durch ihre gleißend weiße Fellfärbung sowie durch rührende, haselnussbraune Augen, wie er sie sonst nur von mitteleuropäischen Rehen kenne.
Sämtliche Einträge und Reportagen lassen jedoch Fotomaterial der Maus vermissen. Einzig eine Serie großformatiger Ölstudien einer international nicht hinreichend bekannten Dozentin der Ungarischen Akademie der Bildenden Künste zeigt konzentrierte Abbildungen des Tieres. Nun fühlt sich die 48jährige Erzsébet Sziláhyi in ihrem künstlerischen Ausdruck jedoch seit vielen Jahren stark einem ausgeprägten abstrakten Expressionismus zugehörig, weshalb der objektive Zugang zur Phänomenologie der Maus auch hier schwierig bleibt. Zweifellos vermittelt sich bei der Betrachtung der 29 Arbeiten aus Budapest aber ein intensives Gefühl, das, auch wenn es auf eine geheimnisvolle Art ungreifbar bleibt, seinerseits selbstverständlich Auskunft über dieses possierliche Tier geben kann.

Nun, was Ingrid betraf: es fiel auch ihr schwer, verlässliche Angaben zum Äußeren ihres Zimmergenossen zu machen. Das lag ausnahmsweise eben nicht an Ingrids Schwierigkeit, Äußerliches in seiner Vielfalt gebündelt verarbeiten zu können. Die Maus war einfach zu flink und zeigte sich niemals von Angesicht zu Angesicht.
Ja, es fiel Ingrid zugegeben furchtbar schwer, selbst bei größter Anstrengung, sich flüchtige Gesichter zu merken, deren Augenbrauen- oder Stirnformen, die Augenfarben und Brillengestelle. Auch wenn sie sich Mühe gab, blieben immer nur winzige Details. Nie ein großes Ganzes. Bis sie sich ein Gesicht komplett merken konnte, brauchte es sehr, sehr viel Zeit und sehr, sehr viele Blicke. Wie dem auch sei, wie gesagt, bei der Maus spielte dieser Punkt keine Rolle.
Um ehrlich zu sein, war die Maus unangekündigt erschienen, es war in der Nacht eines Sommertages gewesen, an dessen Datum sich Ingrid hingegen selbstverständlich viel zu deutlich erinnerte. Ihr Gedächtnis hielt an Zahlen fest, ohne dass sie es davon abbringen konnte. Sie war sich sicher, dass ihr Gedächtnis sich dadurch nur wichtigmachen wollte. Da das Ingrid jedoch nichts als schier unerschöpfliche Möglichkeiten der Nostalgievermessung bot, war sie überhaupt nicht stolz auf diese unnütze Veranlagung. Es war lächerlich, der Maus prinzipiell den Tag ihres Einzugs nennen zu können, niemand anderes hatte es sich wohl gemerkt und da es überhaupt an Senilität gegrenzt hätte, sich im Gespräch der Maus mitzuteilen, sah sich Ingrid bestätigt darin, dass die ihr eigenen Wahrnehmungsschwerpunkte sich kaum mit denen anderer Menschen vereinbaren ließen. Machten die anderen sich nichts aus dem Vergessen? Wie konnten sie einfach Dinge verblassen lassen?
Niemand interessierte sich für den Tag, für den Monat. Sie glaubten vielleicht, es diene ihr, Ingrid, als Krücke, als Inklusionshilfe gegen eine Angst vor Unstrukturiertheit. Dabei war das mit der Kontrolle gar nicht ihr Hauptthema, dabei war es anders. Es ging auch überhaupt nicht um Nostalgie, schrie sie! Die Daten verliehen der Zeit Bedeutung und es konnte schmerzen, zu glauben, dass andere keine Erinnerung an die Marker im Zeitstrom mehr besaßen, es schmerzte, wenn dieser Zeitstrom für die anderen keine Bedeutung hatte. Die Zeit allerdings ist auch nur ein Symptom, murmelte sie. Das Vermissen hingegen ist etwas anderes. Darum geht es.
Sie erzählte der Maus dann doch bald davon, oder, die Maus erfuhr es einfach so irgendwie. Es stellte sich jedenfalls heraus, dass sie sie falsch eingeschätzt hatte. Sie weinten gemeinsam um die verstrichene Woche, bald über den verstrichenen Monat, irgendwann über zwei und drei. Die Maus schien den Kummer über die Zeit zu verstehen, wie sie auch Tagesstimmungen und Traumgefühle teilte. Ingrid konnte gar nichts dagegen tun, aber es irritierte sie, dass da Resonanz aus dem Raum kam. Die Maus weinte lautlos und wisperte mit rauem Mäusestimmchen, dass diese Tränen nunmal fließen müssten, es gäbe daran nichts zu ändern und es gäbe ja auch andere Tage. Ingrid sagte, ja. Ja. Sie sei sehr froh, dass diese Mäuseweisheit sie bestätige, das sei ihr eine Hilfe, überhaupt, unterdrücken ginge ja auch gar nicht. Gleichzeitig sei sie jedoch verwirrt. Sie erklärte, dass sie einen guten alten Freund habe. Der Schüttelfrost lebe seit einigen Jahren im sonnigen Spanien, sie sei ihm loyal total verbunden, sei es von ihm allerdings gewohnt, eher rabiate Ratschläge und Lebensstrategien empfohlen zu bekommen. Noch nie habe man es in ihrer Wohnung toleriert, sich einer Stimmung hinzugeben. Es mache ihr Angst und sie fürchte, die Wohnung nicht mehr verlassen zu können.
Sie setzte sich auf und schaute auf ihr zerwühltes Haar im Spiegel und sagte, sie sei nicht bereit, sich aus Loyalität ihren Freunden komplett anzupassen. Ihre Stimme wurde laut. Das gelte für den Schüttelfrost, doch das gelte auch für sie, die Maus. Bei aller Zuneigung, aber was es für Konsequenzen habe, zu ihrer Art zu gehören, das könne man ja den vagen Interneteinträgen und Lexikonresultaten entnehmen! Sie, die Maus, sei ein regelrechtes Phantom! Ein gefühlvolles und zutiefst sympathisches, aber, bei aller Liebe und Dankbarkeit für die Hilfe, es berge auch eine Gefahr für empathische Mitbewohner.
Ist okay, sagte die Maus. Mach nicht aus einem Käsestück einen Kater, niemand hat gesagt, du musst der werden, der bei dir wohnt. Denk mal drüber nach.

Ingrid dachte. Klar, tat sie das. Die Maus äußerte sich manchmal, ihre Stimme kam dann irgendwo aus unbestimmbaren Ecken des Raumes, schwer lokalisierbar und rasch die Position wechselnd und Ingrid, die anfangs noch in Panik verfallen war, wenn sie das leise Rascheln ihrer Füße hörte, gewöhnte sich an ihre Anwesenheit. Sie entschuldigte sich dafür, in der ersten Verzweiflung brutale Fallen angeschafft zu haben, um der Maus den Garaus zu machen. Sie seien zu dem Zeitpunkt einfach noch nicht persönlich bekannt gewesen und sie habe diese vage, undefinierbare Anwesenheit von einem Etwas im Raum einfach nicht ertragen können.
Hey, entgegnete die Maus, ist schon in Ordnung, ich habe dich beobachtet. Ich bin clever genug, um deine Plänen zu erkennen, auch, wenn sie eh ziemlich leicht durchschaubar sind.

Es war so gewesen. Die Zeit war ins Land gegangen und auch wenn die Maus schwieg, wusste Ingrid, dass sie da war. Manchmal, wenn sie aufwachte, oder wenn der Abend nahte, äußerte sich die Maus. Manchmal gab es Tage ohne auch nur einen Augenring und manchmal, wenn alles sehr weh tat, schauderte Ingrid beim Blick auf die Mausefallen. Manchmal spielte Musik, die Ingrid nicht guttat, die sie aber bei allem Genuss nicht ausschalten konnte und einmal im Kino lief es auch recht übel. Blöde Fingerpuppen und abermals Erinnerungen brachten da ihren Tag zum Einsturz. Der Tag ging weiter, auch in Trümmern.
Manchmal schrieb der Schüttelfrost eine kameradschaftliche Mail, über die Ingrid lächeln musste und dann prompt antwortete. Der Schüttelfrost schickte einen Kussmund in retour. Und Ingrid weinte vor Rührung. Sie musste sich vielleicht einfach eingestehen, in jeder Hinsicht nah am Wasser gebaut zu sein.

Manchmal legte sich Ingrid auf eine Wiese und manchmal hörte sie bloß dem Laub zu, das über die Wege watete.

Dann, als draußen der Wind aufbauschte und der Regen wie im Gewächshaus rieselte, beschloss sie, mit dem Anpacken zu beginnen. Während draußen die Nacht tiefer sank, wechselten drinnen alle Dinge ihren Ort und perlend weiß begann die Wand zu werden. Es war Zeit. Ingrid schwitzte vor Anstrengung und besah sich jeden Winkel des Raumes. In der Gewissheit, dass es ihr nun möglich sei, kniete Ingrid nieder und entfernte die Mausefalle aus der Zimmerecke. Oh, rief die Maus begeistert, oh, das freut mich aber! Du brauchst also keine Falle mehr gegen mich!
5.10.17 03:13


26.9.17 13:44


 [eine Seite weiter]

Gratis bloggen bei
myblog.de

" width="850" height="550"; scroll="no">