12.8.17 16:07


Was waren das für Zeiten gewesen, dachte Ingrid, nun, an diesem Sommerabend, als die Ampelanlagen und die partielle Mondfinsternis rot vor ihr aufglommen, kaum ein Wind ging, die Schwalben hoch flogen. Oder waren es Fledermäuse? Sie war sich nicht sicher.
Die verpatzte Reise nach Norwegen lag hinter ihr. Die blauen Wollfetzen des unwiederbringlich zerstörten Mantels waren zwischen den Wachholderbüschen geblieben, die Verrottung hatte dort vielleicht mittlerweile schon eingesetzt, auch das wusste sie nicht, was beim Sauerampfer geschieht, bleibt beim Sauerampfer. Die Dinge mussten nur schlimm genug stehen, dann kam sie auch mit diesem Mantra zur Abwechslung einmal klar.
Nichts hatte sie so machen wollen, wie sie es sonst tat, da in diesem Ausnahmezustand, und es war ihr dann auch überaus leicht gefallen, gehbehindert und verzweifelt wie sie war, eine gesichtslose Servicedame am Flughafen Oslo mit der vollen Wucht ihrer Wut zu überschütten, sodass diese ihr sofort widerstandslos ein Ticket für einen Direktflug ausgestellt hatte. Ingrid hatte dann von Gänsehaut übersäht und halbnackt im Flieger gesessen. Sie hatte die Kälte allerdings nicht gespürt, denn allein bei Gedanken an die verwesenden Partikel ihres kratzigen royalfarbenen Mantels war eine solche Hitze in ihren Kopf gestiegen, dass sie kaum hatte denken können. Für Kälte braucht es einen klaren Kopf.
Sie hatte dann Abstand von der Idee einer Flugzeugentführung genommen.
Sie war dann gelandet. Sie hatte dann auf dem Boden geschlafen und war aufgestanden.
Sie war am nächsten Morgen mit Augen durch die Straßen gegangen, die sich zum ersten Mal seit einer kleinen Ewigkeit sich wieder öffnen ließen. Sie hatte sich mit der Maus angefreundet, mit der sie sich nachts das Zimmer teilte. Sie wollte sie nicht töten.
Sie begann den Tag früh, weil die Geräusche am Morgen die schönsten waren. Überhaupt war sie froh, dass die Stadtverwaltung sich offenbar dazu entschieden hatte, die Testphase des Gesetzesentwurfs zu kippen, wonach einzig und allein Betonmischmaschinen für das akustische Profil der Stadt zugelassen werden sollten.
Sie hatten wohl auch den Paragraphen mit der Geruchslimitation gestrichen, ganz offensichtlich. Ingrid nahm nämlich den Geruch von Kiefernholz wahr, von frisch gewässerten Augustblumen, von Waschmittel und manchmal drehte sie sich ruckartig um, als habe ihr eine bekannte Person auf die Schulter getippt, fast, als könnten ein vertrautes Parfum oder eine bekannte Duschlotion physische Kräfte entfalten.
Es war in diesen mittleren Abendstunden, in denen der Mond aufgeht und es so aussieht, als würde er in Wahrheit von den Baukränen am Horizont in den Himmel gehievt. Es war da, dass Ingrid stehenblieb, schwitzend, auf das schaute, was sie da zusammengepuzzelt hatte, zum ersten Mal zurücktrat und ein wohl komponiertes Muster im Mosaik entdeckte. Zum ersten Mal dachte, dass wohl doch nichts zu Ende war.
10.8.17 00:16


23.7.17 22:30


19.7.17 00:40


Es war nichts so gekommen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Ihre Erwartungen waren nicht bestätigt worden und Ingrid begriff zum ersten Mal in ihrem Leben, dass sich irgendwann immer alles verändert. Es gibt Veränderung, soso. Alle Karten werden zu jedem Zeitpunkt gemischt, aha. Wann wird dann eigentlich gespielt? Jedenfalls, wenn nichts einem festen Muster folgt (was wiederum nicht heißt, dass es keine festen Muster gebe! Oh nein, alles andere als das), dann jedenfalls kann der Umsturz schnell geschehen oder schleichend über die Jahre hinweg, wie auch immer. Alles aber, was feststeht, ist, dass man keine Vorhersagen treffen kann. Gibt’s nicht. Geht nicht. Man mag sich selbst noch so gut kennen, dann geschieht es eben doch, dass man selbst anders auf die vermeintlich bekannten Stückchen Welt antwortet, als man es immer gewohnt war. Man reagiert auf einmal unerwartet, damit beginnt es schon. Versteht sich selbst nicht mehr. Und wenn dann noch die Welt in ihren Antworten variiert – na, was kann man da schon sagen, wie es kommen wird.
Ingrid stand da nun also in Oslo, fernab des Bahnhofs. Die Landstraße, die zur Küste führte, der Wind, der ging, das Wasser, das sich durch blassen Dunst ankündigte, der Schweiß, der ihr unter dem Reisegepäck den Rücken hinunter rann, der Wind – wieder der- der ihr durch das formlose Haar fuhr, der Schweiß – das auch, trotz Wimpernkranz- der in ihr leicht entzündetes Auge floss. All die Landschaft vor ihr, all die Singvögel, die durch das Bild glitten, all die Stille, die immer genauso geklungen hatte, wie gut sie die kannte, die Stille dieses Ortes. Wie sie sich die Schönheit des Meeres vorstellen konnte, weil es immer ähnlich schön war, wie sehr sie die kannte, die Schönheit dieses Ortes.
Und sie stand dort, knietief im Sauerampfer und sie hasste es. Die Stille brummte in ihren Ohren und vor Abscheu gegen die Schönheit hätte sie kotzen können. Ingrid stand da und verwünschte Norwegen und würde niemals mehr sentimentale Postkarten mit debil dreinschauenden Wollschafen verschicken, sie wollte das gesichtslose Meer dort, 500 Meter Luftlinie entfernt, unter keinen Umständen sehen, sie würde den Teufel tun und ein Souvenir in ihrer Manteltasche mitnehmen, alberne Muscheln, nichtssagende Steine, egoistischer Ballast. Und überhaupt, dieser Mantel. Der Mantel war an allem Übel schuld, warum überhaupt trug sie einen ollen, verstaubten Mantel, dessen wichtigste Eigenschaft seine poetischen Farbbezeichnungen waren!
Ingrid schrie. Sie schleuderte den Rucksack in die Wachholderbüsche, sie riss sich den Mantel herunter und zerrte so lange an einem der Ärmel, bis sich die Wolle tatsächlich aufribbelte und sie den Mantel entzwei teilen konnte, bis sie ihn vollständig zerstört hatte. Sie schubste seine Reste mit dem Fuß in den nächsten Ameisenhügel und dann rannte sie.
Sie verfing sich im Sauerampfer, der auf einmal einer Schlingpflanze glich und verteufelt hinterhältig ihre Knöchel angriff. Ingrid hatte noch nie ungelenker ausgesehen, sie war sich noch nie unfähiger vorgekommen, weil sie doch nur rennen wollte, und selbst das nur mäßig gelang. Irgendwann aber war das Sauerampferfeld überquert. Ingrid wollte nur noch nach Hause.
8.7.17 18:24


26.6.17 14:32


Ingrid hatte es nun dem Schüttelfrost gleichgetan und sämtliche Verbindungen gekappt. Am Morgen an der Kreuzung hatte sie gefürchtet, einfach am Straßenrand nieder zu gehen, von dort nicht mehr weiter zu können, sodass Vorübergehende sie erst würden aufsammeln und dann forttragen müssen. Sie hatte sich dann bemüht zu atmen, dabei erst war ihr verwundert aufgefallen, dass sie das die ganze Zeit über bereits tat. Sie hatte dann probiert, tiefere Züge von der Luft um sie herum zu nehmen, obwohl das eine Geste und ein Geräusch waren, das sie an gewissen fremden Personen (meist waren es Frauen mit modischen Brillen, die am frühen Morgen auf ihrem gepolsterten Hollandrad sitzend eine Yogamatte im bastgeflochtenen Fahrradkorb transportierten) extrem aggressiv machen konnte. Wenig sonst konnte sie so aufregen, wie die bewusst platzierten, selbstfürsorglichen Atmer der Frauen mit den modischen Brillen. Dabei mochte Ingrid Brillen. Sie hatte auch nichts gegen Frauen, sie fand Atmen eine fantastische Erfindung, weil es immerhin dazu führte, dass das Herz mit Sauerstoff versorgt wurde, sie erinnerte sich, dass sie notiert hatte, sie möge das Leben, und, ganz im Allgemeinen, war sie nur durch Weniges, immer Unvorhergesehenes, überhaupt zu Aggressionen hinzureißen. Unklar, was sie also gegen die Kombination einzuwenden hatte.

Herz unter Wasser, hatte sie gerufen, mitten in einem Meer, das war noch nicht lange her, und an ihrem Rücken hatten sich gewaltige Wellen gebrochen, die salzigen Tropfen waren in alle Himmelsrichtungen gesprungen wie ein Feuerwerkbei Tageslicht. Dieser Ort war weit entfernt von allem, alles, was hier getan werden konnte, war, über Dinge nachzudenken, nachdenkend in den Wellen zu springen, dabei Weisheiten und Erkenntnisse in das Getöse hinauszuschleudern und Ingrid hatte sich bis zum Kinn ins Wasser fallen lassen, Herz unter Wasser, Herz unter Wasser, ganz oder gar nicht, das hatte sie gerufen und sie hatte, -es war ihr Pamphlet zur Nachmittagsstunde- das Herz gar nicht mehr aus dem Wasser holen wollen.

Das Atmen heute Morgen hatte geholfen. Sie hatte ihren Brustkorb und ihre Bauchdecke erst einzeln gespürt. Dann war es gelungen, diese Fragmente zu einem Körper zusammen zu setzen, in dem sie war. Ingrid fühlte sich zwar immer noch zersplittert, das aber als Ganzes. Das musste man erst einmal schaffen. Der Schwindel, der sie beinahe hatte, aufgeben lassen, war gewichen und sie hatte ihren Weg ruhig und konzentriert fortsetzen können. Verlangsamt zwar, aber als Ganzes. Den Blick zum Boden, da kapierte sie mehr, was vor sich ging.
Man kann sich, über diese Worte stolperte sie nun erneut -alles dreht sich und dreht sich- doch nicht von Juni zu Juni hangeln, nur weil man sonst nirgendwo hängt.

Ingrid hatte sich dann ein Ticket gekauft. Es gab noch einen Schalter in der Stadt, an dem man die gekauften Fahrkarten tatsächlich noch persönlich und durch Handarbeit gestanzt in Empfang nehmen konnte. Sie hätte die Karte nicht an einem Automaten kaufen wollen, es hätte ihr weh getan.
Sie hatte dann am Gleis gewartet, ganz ruhig, viel zu ruhig. Der Zug war eingefahren und sie hatte ihren reservierten Platz ohne Schwierigkeiten gefunden. Zum Glück handelte es sich um einen alten Zug, in dem man das Abteilfenster aufstemmen konnte. Der Fahrtwind stob herein und das Geräusch des fahrenden Zuges auf den Gleisen war ohrenbetäubend. Doch das war gut, denn Ingrid konnte den Tag nur am geöffneten Fenster aushalten.
Sie fuhr. Man fuhr sie. Sie trug ihren alten royalblauen Mantel, darin steckte das ausgestanzte Zugticket. Das war der Tag, an dem Ingrid wieder nach Norwegen fuhr.
15.6.17 00:19


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