Ingrid, sich eben noch in einem eindeutigen und ungewöhnlich klaren Zustand von Aufbruch und Tiefenentspannung befindend, wird gleich zu Beginn der Fortsetzung überraschend und doch vorhersehbar ausgebremst: Diesmal ist es der Traum, der seine Macht entfaltet und mal erfrischend ehrlich, mal ironisch oder gar trügerisch daherkommt.
Tatsächlich versteckte er sich bereits in der Schlussszene von Teil 2 -fröhlich und herzlich winkend unter Ingrids Freunde gemischt- und stellte damit, hätte man ihn bemerkt, einen raffinierten Cliffhanger dar. (Erneut deutet sich also die Schwäche des Epos an, den Zuschauer hinreichend deutlich durch die Handlung zu führen.)
Die darstellerische Leistung der Traumfigur in ihrem großen Facettenreichtum ist jedoch unbedingt hervorzuheben. Zweifelsohne wurde mit dem hier zu bestaunenden, bis dato völlig unbekannten sardischen Jungschauspieler ein Talent entdeckt. Die schiere Sogkraft des Traumes erfährt die Hauptprotagonistin mit voller Wucht. Dies durchaus bemerkend zeigt sie sich anfangs noch ambitioniert, logische Konsequenzen zu ziehen beziehungsweise sich andeutende, potentiell hinderliche Verwicklungen zu unterbinden. Schon bald jedoch unterliegt sie der Macht des charmanten Traumes.
Fortan regelmäßig zwischen beiden Welten wechselnd, ist es vor allem die jeweils unterschiedliche Gesetzmäßigkeit der Abläufe in beiden Umfeldern, die ihr beginnt, zuzusetzen. Eine sich anbahnende Überforderung wird von ihr jedoch umsichtig durch den Schachzug der totalen Ortsansässigkeit im Wachleben begrenzt. Bravo dafür!

Die einst so flüchtige Ingrid schlägt so tiefe Wurzeln, was in erster Linie eine bedeutsame Entwicklung der Figur bedeutet. Der Film versucht dies durch eine neue akustische Gestaltung, nämlich durch Zunahme vielschichtiger Musik, zu illustrieren, wogegen die Bildgewalt des Visuellen zu diesem Zeitpunkt des Werkes nicht mehr viel Neues zu bieten hat. Man könnte meinen, dies sei beim Medium Film stets problematisch. Im konkreten Fall jedoch kommt es dafür erfreulicherweise zu einer Intensivierung des Plots – was, angesichts der bisherigen Betonung der Ästhetik, an diesem Punkt ausdrücklich zu begrüßen ist!
Ingrid kommt in Folge ihres plötzlichen Interessenverlustes für Zerstreuung und das Fliehen in sämtliche Richtungen (ja, ihrem kaum wiederzuerkennenden Wunsch nach unbedingter Konzentration) natürlich auch mit den Nebenwirkungen der Sesshaftigkeit in Berührung.
Passagen der hier erzählten Monotonie und empfundenen Abgestumpftheit werden treffend durch ein hoffnungslos wintergraues Szenenbild unterstrichen und sind dadurch mitunter eine wahre Herausforderung auch für den halbwegs lebenswilligen Zuschauer. Abermals genial in puncto fließende Grenzen.

Da sie jedoch, wie sie selbst in trotzigen Zwiegesprächen mit sich selbst bekräftigt, „gekommen ist, um zu bleiben“, beschließt unsere Hauptfigur erstens, sich voll und ganz dem wohlbekannten Repertoire aus Nebenfiguren zuzuwenden, und – zweitens- den Zustand der einst übertünchten Wände zu ändern. Die neu entstehenden Memoiren auf weiß Übermaltem mögen so einerseits erfolgreich einer zu sterilen und gleichbleibenden Umgebung entgegenwirken, wie auch die von Ingrid gefürchtete Entfremdung von sich selbst verhindern. Somit stellt der abermals als Filmelement eingeführte Zeitstrahl aus Graphit jedenfalls eine clevere Verbindung von Neu und Alt, von Vertraut und Unvorhersagbarem, von Erinnerung und Gegenwart dar. Großer konzeptueller Einfallsreichtum.

Tatsächlich entwirft Ingrid, mit neuem Lebenshunger ausgestattet, ein beeindruckendes und maßstabungetreues Modell eines sogenannten traditionellen „Wunderblocks“, auf dem ihr durch geschickte Aufzeichnungen und die entsprechende Mithilfe anderer Personen sowie des symapthischen saudischen Traumdarstellers eine vollkommene Verstrickung in sämtliche Zeitlichkeiten, Tempofragen und Erinnerungen gelingt.
Dies kann ohne Frage als eine Glanzleistung des Ingrid-Charakters betrachtet werden und gehört – durch den Effekt der erweckten Sensationsgier sowie schließlich der belustigten Resignation auf Zuschauerseite fraglos zu einer ersten Klimax im Film.

Es folgt ein entschlossenes Besinnen auf die Gegenwart, was von Ingrid besiegelt wird, indem sie mutig den Wunderblock an den Nagel in der Wand hängt und fröhlich ein kubistisches Einrichtungsobjekt vor selbige stellt. Der Zuschauer erlebt ab diesem Punkt eine Veränderung des Erzählstils, was mit einer weiteren Transformation der Protagonistin einherzugehen scheint. Zumindest ist dies der Eindruck, der sich anhand der poetisch und stark abstrahierten Bildsprache aufdrängt, welche schlagwortartig den weiteren Werdegang Ingrids streift und wenige Details dabei bis zum Erbrechen ausarbeitet. Aber dies ist doch auch schön: die stoische Beharrlichkeit der Protagonistin wird noch einmal deutlich herausgehoben.
Tatsächlich bedient sich der Film einer genialen Raffinesse, indem der sich andeutende Zustand konkrete, puren Glücks und Glitzers selbst nicht erzählt wird, dafür aber viel kryptischer Raum gelassen wird, um entsprechende Projektionen des Zuschauers zu ermöglichen. Es gehört zu einer Meisterleistung der Regiearbeit, dem zarten Inneren Ingrids unglaublich nahe zu kommen, obgleich oder vielleicht auch indem eine äußere Abwendung der Protagonistin gezeigt wird.
Ein nicht unbeachtlicher Teil des Filmes führt ausschließlich mittels verschickter Postkarten-Botschaften der jungen Norwegerin flüchtige Aufnahmen Ingrids in einem uneingeschränkt zufriedenen Zustand an. Hin und wieder lässt uns die Kamera eine Momentaufnahme erhaschen, indem Ingrid auf fremdländischen Kachelöfen versehentlich doch humorvoll ein paar Strümpfe verbrennt, zu Riesenradfahrten überredet wird, sorglose Zugfahrten in der Morgensonne besingt, heimische Fische mit Zitrone verzehrt oder, in fremde Bademäntel gehüllt, schlaflos Grass liest. Die Lichtstimmung zeigt sich hier kontinuierlich warm. Schöne Schatteneffekte.

Es gehört zu der zunehmend berührenden Hinwendung der Dramaturgie, dass im Film anschließend mehrere Dinge miteinander einhergehen. Es sind dies a) ein allmähliches Abkühlen der Lichtstimmung hin zu Blautönen; b) ein allmähliches Rückfokussieren auf die Hauptprotagonistin, und c) ein erkennbares, naives Abmühen selbiger, sich w i r k l i c h zu bemühen.
Umso ergreifender der aufkeimende Zweifel, ob sie nicht in Wahrheit zu unfähig für ein Leben ohne ihren alten Freund, den Schüttelfrost sei. Im Sinne einer eigentlich klugen Methode der Regulierung findet zwar sogar ein leidenschaftlicher Dauerlauf zum Meeressaum statt, der allerdings bedauerlicherweise falsch interpretiert wird (und der Meeressaum als Zielscheibe von Eifersucht kommt danach auf eine schwarze Liste).
Was Ingrid betrifft… Vergiftet vom Hauch eines alten Gedankens und möglicherweise nach wie vor überwältigt von der kompletten Kehrtwende der ausgerufenen Sesshaftigkeit geht plötzlich alles sehr schnell. (Dass das Erzähltempo dennoch im Gegenteil einen schleppenden und bis zur Versteinerung langsamen Eindruck erweckt gehört bestimmt zu einem ausgefuchsten Kunstgriff des Films. Wodurch die Wahrnehmung des Zuschauers zu einem so gänzlich gegenseitigen Urteil fernab der tatsächlichen Begebenheiten gedrängt wird, und,warum dies geschieht, bleibt an dieser Stelle völlig unbeantwortet.)
Während Ingrid am einen Tag noch unwissend hinter einem holländischen Bahnhofsklavier ein Abschiedslied improvisiert, soll sie bereits bald darauf durch einen Unfall tragisch zersplittert im Morast eines ländlichen Grabens landen. Der Hergang des Sturzes bleibt in sich kompliziert verschlungen, schicksalshaft und schwer rekonstruierbar – mit hoher Wahrscheinlichkeit aber ist er selbstverschuldet. Und nämlich so zu erklären, dass unsere Protagonistin wenig behände über sich selbst stolperte, wobei sie jedoch im Glauben war, zuvor eigentlich das (unbeabsichtigt!) hinterhältige Hindernis für eine andere Person gewesen zu sein, worauf diese verunglückt und sich eine halbseitige Körperlähmung zugezogen hatte. Ungeachtet, ob Ingrid nun ein Beinchen gestellt hatte oder nicht, überwog in jedem Fall ihr ausgeprägtes Schuldgefühl, wodurch allein sie die akrobatische Leistung vollbringen konnte, und sich – an sich selbst stoßend- mit einem Salto rückwärts in den Graben katapultierte. Akrobatisch und elegant bestechend (und an keiner Stelle, schon allein wegen des begrenzten Budgets kam eine Stuntfrau zum Einsatz!)

Durch das Desaster sind Knochen- und Herzbrüche sowie diverse Entzündungen zu beklagen und gelähmt wie sie ist, vermag Ingrid in dieser Zeit ausschließlich während geduldiger Krankengymnastik ihrer Wut, Trauer und Zerstörungslust freien Lauf zu lassen.
Das kubistische Objekt seinerseits fliegt eines Nachts wie von selbst aus dem Fenster und hinterlässt eine fürchterliche Lücke, die bald durch eine übermächtige und neunmalkluge Maus gefüllt wird. Ingrid ist von purem Horror erfüllt und nicht im Stande, dies zu ertragen, fürchtet noch davor Ungeziefer und versucht sich mit der überstürzten Reise nach Norwegen einer altbewährten Bewältigungsstrategie zu bedienen. Auch diese scheitert jedoch kläglich und der Zuschauer befindet sich während der nächsten halben Stunde (mindestens!) in einem Zustand vollkommener Desorientierung, der vermutlich dem seelischen Zustand der Protagonistin entspricht. Das einzig Sag- und Beschreibbare besteht hier in einem Schauspiel aus vollkommen abstrakter Farb- und Formverläufe, was zumindest die Vermutung zulässt, dass Ingrid neben deutlicher Gefühlserkrankungen auch auf Basis der visuellen Wahrnehmung starke Defizite aufweist. Klar ist nur, dass Ingrid den Wunsch formuliert, heimzukehren, Heimat erstmalig nicht mehr auf Norwegen beziehen kann und vollständig derangiert sowie nach Vernichtung ihres alten blauen Mohairmantels aus Norwegen abreist. Die Tatsache, dass da eine weitere bahnbrechende Veränderung stattgefunden haben muss, fällt im allgemeinen Trubel ob des Anblicks der fast nackt zurück kehrenden Ingrid, abermals so gut wie unter den Tisch.

Der verbleibende Rest des 3. Teils ist inhaltlich, vorsichtig ausgedrückt, doch recht überschaubar gehalten (allerdings hat der Traum hier wieder viele großartige Monologstellen). Dafür übertrifft sich der Film hier beinahe selbst an originellen und experimentellen Darstellungsweisen. Angedeutet werden soll wohl, dass Erinnerungen allmählich zurückkehren, Ingrid hingegen für nicht geringe Zeit verschwindet. Ein völlig innovatives filmische Stilmittel schafft es erstmals, olfaktorische Wahrnehmungen auf der Leinwand abzubilden und rätselhafterweise erscheint so nun jedes Mal, wohl wenn die Hauptfigur in Kontakt mit einem bestimmten Geruch gerät, ein zutrauliches und sanftes Schaf auf der Bildfläche, das sich Sehnsucht nennt und durch den außergewöhnlichen Duft besonders warmer Wolle imponiert (wieder: Spiel mit den Sinneswahrnehmungen!) Es handelt sich jedes Mal um den Auftritt eines derart vertrauten Wesens, dass die Vermutung nahe liegt, das intelligente Tier habe möglicherweise schon einen ersten Auftritt in Teil 1 gehabt. (Es muss bereits dagewesen sein, denkt sich der perplexe Zuschauer, anders ist das nicht zu erklären). Ingrid selbst hingegen ist nur anhand einer Stimme aus dem Off präsent.

Lediglich vereinzelte Augenzeugen behaupten in einer Schlussszene standhaft, einer jungen Frau zufällig über den Weg gelaufen zu sein, die mit Ingrid zumindest starke Ähnlichkeiten aufweisen soll.
Es bleibt eine der zahlreichen offenen Fragen, ob es sich hierbei tatsächlich um die Protagonistin handelte, ferner, ob Ingrid selbst Kontakt zu den besagten Personen gesucht hat, wo überhaupt sie momentan ist und was zum Teufel jetzt eigentlich als zutreffend für ihre Persönlichkeit beziehungsweise als fataler Schwindel daran gelten kann: die Sesshaftigkeit – oder eben das Gegenteil.Der nicht mehr existierende blaue Mantel, einst ihr Markenzeichen, scheint diesbezüglich einen Hinweis geben zu können.

Teil 3 des Ingrid-Epos baut ein schier unaushaltbares Maß an Spannung auf und bietet ein schlicht perfektes Sprungbrett für die Fortsetzung. Es ist zu hoffen, dass Teil 4 uns in eben solchem Umfang mit ungeahnten Wendungen zu überraschen vermag. Wenn nicht, es wäre schade, fortan gewissermaßen nur noch ein Hörspiel genießen zu können.
23.2.18 17:53


Rundbrief an cinematophile Abonnenten

Ein Epos bezeichnet in umgangssprachlichem Gebrauch eine ausschweifende Erzählung und es gehört zu den vertrackten Schwierigkeiten während des künstlerischen Prozesses der dieser Kategorie zuzurechnenden Werke, dass wir hier von einem natürlicherweise recht langgestreckten Zeitraum sprechen müssen. Die charakteristischen Probleme betreffen alle Epen-fähigen Bereiche, ganz gleich also, ob wir uns im Bereich der Unterhaltungsliteratur oder aber in jenem entsprechender Film- und Fernsehproduktionen bewegen.

Vertrackt ist dies, da im Laufe der Arbeit mit den diversesten, und – wir betonen- wirklich mit sämtlichen Stör- und sonstigen erschwerenden Faktoren gerechnet werden muss.
Auf Seiten der Darsteller etwa dergestalt: Mindestens ein Akteur bzw. eine Akteurin wird beispielsweise mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit reich erben/ versterben/ Drillinge gebären / zum Tischlerhandwerk umschulen / in Unfallfolge Sprachverlust erleiden / in ein abgelegenes katalonisches Hippiedorf auswandern / schlicht und einfach das Interesse verlieren / sich unglücklich erst in die Regisseurin, dann in den Kameramann verlieben, anschließend mit beiden sehr kurz glückliche, jedoch bereits rasch folgend sowie parallel ausgeführt unglückliche Affären haben, und dann, in Folge der nachvollziehbaren Tatsache, dass alle drei jeweils voreinander fliehen, schließlich noch um weiten unglücklicher aus der Sache herausgehen.
In allen der oben beschriebenen Fälle wird eine zufriedenstellende Weiterarbeit für das Endprodukt Film vollkommen unmöglich oder doch zumindest vollständig sinnlos gemacht und stellt natürlich eine immense Herausforderung für eine erfolgreiche und stringente Beendigung des Projektes dar. Hinzu kommen noch zahlreiche weitere Quellen für außerplanliche Änderungen des ursprünglich anvisierten Werkes während der Entstehung. So kann auch der Drehbuchautor ganz identisch alle aufgeführten Schicksale erleiden (das heißt: reich erben /versterben/ Drillinge gebären etc.), ja, auch der Regisseur bzw. die Regisseurin ist davor nicht gefeit (bloß, dass in diesem Fall die unglückliche Liebesverstrickung eher selten die eigene Person betrifft, sondern sich stattdessen, sagen wir, auf den Hauptdarsteller richtet usw. usf.).

Davon abgesehen ist aber auch damit zu rechnen, dass – je nach Arbeitsweise und angelegter Freiheit im Schaffensprozess- der Plot massivsten Änderungen unterliegen kann. Und dies selbst, wenn auf die Kohärenz der beteiligten Figuren durchaus penibel geachtet wird, kurz nach dem Motto: Man weiß ja doch nie, was passiert.
So wird nicht zuletzt die ursprüngliche Dramaturgie des Gesamtwerkes, inklusive der im Drehbuch angelegten konkreten Szenen, hart auf die Probe gestellt und bisweilen komplett über den Haufen geschmissen.
So ist unter anderem auch zu erklären, dass eine zunächst als Trilogie angelegte Erzählung leicht zu einem siebenfolgigen Mammutprodukt aufsummierter Spielfilmlägen wächst, d.h. ausufert: Handlungsstränge erwiesen sich dann vielleicht als komplett nutzlos, oder als verzweigter als geahnt, oder die Stimmung, mit der Folge 2 endete, zeigte sich als totale Sackgasse für Folge 3, oder man entwickelt sich künstlerisch im Laufe der Zeit derart unvorhergesehen weiter, dass im Sinne eines behutsamen Umstellens des Erzählstils (z.B. auf eine rein gereimte Dialogform, Nichtverwendung jeglicher Musik oder aber Science-Fiction-Ästhetik im Endresultat) das Einfügen eines vorher nicht geplanten, weiteren Filmes notwendig wurde. Alles schon dagewesen, alles schon geschehen.

Die Nerven, das ist ja klar, liegen in solchen Fällen bei allen Beteiligten blank. Und dies gilt sowohl für die Crew, als auch für das Publikum.
Umsichtige Produzenten kalkulieren solch unweigerlich eintretenden Abweichungen bereits im Vorhinein ein, Laien- und Erstlingsarbeiten hingegen sind meist nicht darauf vorbereitet und die entsprechenden Personen erleiden in dieser Phase nicht selten einen vollständigen Zusammenbruch, in dem Glauben, ihnen entglitte ihr schöpferisches Lebenswerk unwiderbringlich und mit absolutem Schmerz angesichts des Verlustes von allem, was ihnen lieb ist, starren sie mit geschlossenen Augen in den Abgrund. Das ist alles sehr schlimm und kann sehr traurig sein. Dabei ist übrigens absolut nebensächlich, ob es sich bei dem Projekt um eine umfängliche Telenovela oder um eine Wettbewerbsverdächtige Ausnahmeerscheinung handelt.

Hochverehrte Cineasten, als die wir Sie in den vergangenen sieben Jahren haben kennenlernen dürfen, als die wir Sie schätzen und Ihnen für Ihre stets aufmerksame, feinfühlige, nicht selten angetane und lobende Resonanz auf unser sensibles Programm danken – lange Rede, kurzer Sinn. Auch die Ingrid-Trilogie ist von unvorhergesehenen Änderungen betroffen. Wir wissen nicht, ob wir das bedauern (weil, wir wissen derzeit gar nicht, wohin es geht). Es könnte gut sein, dass sich die dramaturgischen Wendungen unserer ursprünglich so angekündigten Trilogie letztlich als ein immenser Gewinn für den abschließenden Sehgenuss darstellen, aber ja doch! Wir haben einzig und allein ein leicht schlechtes Gewissen, zugegeben, weil wir Ihnen in unserer weitsichtig im Voraus veröffentlichten Synopsis die Dinge mal etwas anders geschildert haben. Oder sagen wir es so, bis jetzt stimmen Zusammenfassung und Film überein, aber der Klimax, ja der muss vollständig angepasst werden. Also deswegen- Ja, wir werden von unserer ursprünglichen Anlegung der Gesamtdramaturgie abweichen.
Wir versichern Ihnen dafür aber, dass es weitergeht, oh, und wie es weitergeht! In wenigen Tagen wird die Premiere des - wie wir wissen - sehnlichst erwarteten dritten Teiles stattfinden, der schon jetzt im Pre-Screening großen Zuspruch findet und zu dem wir Sie bereits hier stolz und herzlich einladen! Und dann… wird es halt noch mehr Teile um die vom Publikum so ins Herz geschlossene Figur der Ingrid geben. Also eine Doppel-Trilogie eben, wenn Sie so wollen. Denn, um Ingrid herum gibt es ja auch noch ihr eigenes Universum, wenn Sie es so bezeichnen möchten, also der Cast, das meinen wir natürlich, die brauchen ja auch alle noch Platz in dem Epos. Also, es ist so ein Fall eingetreten, wie eingangs exemplarisch nachgezeichnet, und nun ja, Teil 3 wurde einfach auf Deubel komm raus nicht einem Finale gerecht. Es lag daran, dass … ja, nun, aus unterschiedlichen Faktoren hatten sich Sackgassen aufgebaut und, hm, die Stimmung, die passte irgendwann gar nicht mehr, und also, es gab auch interne Dramen und, ja, auch ein paar Krisen, und, naja. Es braucht Zeit, neue Anschlussstraßen als Verlängerung der Sackgassen zu bauen. Das ist auch eine künstlerische, das ist auch eine architektonische Herausforderung. Wir wollten Ihnen das wie gewohnt ehrlich nur schon einmal mitteilen. Auch Ihnen, liebe Sponsoren (die wir so außerordentlich und aus tiefstem Herzen schätzen, dass wir richtiggehend gerührt sind, in beidseitigem Einverständnis noch viele Jahre der gemeinsamen und freundschaftlich-künstlerischen Kooperation auskosten zu dürfen! Angesichts des ohnehin knappen Budgets mussten wir den meisten Beteiligten eh schon drastische Gehaltskürzungen mitteilen, die machen das jetzt fast alle ehrenamtlich, was für ein Opfer für die Kunst! Das ist ja ein Riesending, bedenken Sie das. Ach, wirklich. Chin-chin, schon einmal an dieser Stelle).

Ach wirklich, was für ein Tag. Das gesamte Team ist enorm gerührt, glauben Sie uns, bitte. Wir stellen schon jetzt ein bescheidenes Fässchen Grauburgunder kalt, damit der gebührenden Feier anlässlich der Premiere nichts mehr im Wege steht.

Mit ergriffensten Grüßen.
12.2.18 00:57


Ohne weitere Zusätze ist mit „Jahr“ das Sonnenjahr gemeint: Ein Sonnenjahr ist ein Umlauf der Erde auf ihrer Bahn um die Sonne bzw. die dafür benötigte Zeit. Das julianische Jahr ist eine vom Jahresbegriff hergeleitete Maßeinheit der Zeit und entspricht einer Zeit von exakt 365,25 Tagen.

Immer, wenn die Erde auf ihrer Bahn einmal die Sonne umrundet hat, kommt ein Gefühl, das einen einmal von oben bis unten überschwappt. Ein viel absoluteres Gefühl von Schmerz und Trauer und Erinnerung und Freude und Hoffnung, das hat vielleicht mit kosmischen Konstellationen zu tun, die sich wiederholen. Wie eine Zeitschaltung, die ein Zimmerlicht anknipst. Vielleicht braucht es ja diesen ganzen Kosmoszykluszauber. Vielleicht hält eine Glühbirne genau 365 Tage bevor sie, erst dann, im Sondermüll entsorgt werden kann.

Nicht zu fassen war das, dachte Ingrid. Es dachte dies eigentlich nicht ihr Kopf, sondern in erster Instanz andere Teile ihres Körpers. Der Magen, die Luftröhre, vereinzelte benachbarte Organklappen. Zum Kopf drangen erstmal bloß deren Verengungen, das Blut musste sich offensichtlich derart hindurchkämpfen, dass es seinerseits schließlich mit brachialer Wucht daherkam. Die bewirkte, dass ihre Ohren fast zu viel davon abbekamen, die Wangen auch. Auf einmal war es eine Überdurchblutung, die ihr zu Kopf stieg. Einatmen, ausatmen. Erst danach (nochmal fürs Protokoll: danach) wurden in den dafür zuständigen Hirnregionen Gedankengänge angestoßen, die gewohnt eitel waren und sich selbst als das Höchste ausriefen. Sie diktierten eine zu erfassende Logik der Situation, wo doch Ingrid eigentlich nur dabei war, das wellenartige Magenflattern zu beruhigen. Warum soll man denn dabei auch noch denken sollen, versetzte sie ihrem Kopf einen wütenden Hieb. Sie ahnte allerdings, dass er mal wieder siegen würde. Auf Kosten des Nachtschlafs, zugunsten der Lavendelteeindustrie und ihrem Reflex, sich erklärbar zu präsentieren.
Ihr Kopf lachte herablassend und bemerkte, dass andere sehr wohl damit zurecht kamen, alles zu integrieren. Er wisse manchmal nicht, zischte er scharf, warum ausgerechnet er damit gestraft sei, an eine solche Energieverschwenderin geraten zu sein. Diese ewige Repetition, und dann noch diese stümperhaften und umständlichen Versuche ihrerseits, das würde ihn einfach nicht fordern. U n t e r f o r d e r t sei er, ja. Ob es nicht dies eine Mal möglich sei, endlich einfache Dinge zu konstatieren, Gefühle, Herrschaftszeiten, das sei Säuglingsniveau, meine Güte, Übung mache halt die Meisterin. Sei sie ? Ach so. Ja, aber dabei dürfe es dann nicht bleiben, sei doch das reinste Aufwärmtraining, wenn sie ihn frage. Ob sie eigentlich wisse, ereiferte er sich, wie sehr er es bedauere, nicht aus ihrer Kopfhaut fahren zu können, wirklich. Wie sie eigentlich so dreist sein könne, ihm immer wieder die Überlegenheit abzusprechen, oh doch, genau das sei es nämlich, wenn sie stets Herz und Magen und herrgottsonstwas als die Königsstücke ihrer Existenz zu trainieren suchte. Er wisse ganz genau, was da in ihr vorginge, und nicht allein halte er das für naiv, er fühle sich dazu noch vollkommen vernachlässigt, abgelehnt und in seinem Stolz gekränkt! Ob sie überhaupt jemals Schuldgefühle habe, seufzte der Kopf, die einzigartige Gattung des Menschen zeichne sich schließlich durch die außerordentlichen Potenziale seinesgleichen aus (Sei sie denn etwa ein Äffchen? Eben!) und nur durch sie, Ingrid, sei er, ihr Kopf, auf dem besten Weg, schlimme Minderwertigkeitsgefühle zu entwickeln, es sei ihm daher schon ganz furchtbar traurig in der Amygdala. Andere Gehirne müssten sich nicht so quälend in Frage stellen und er habe die Ventrikel gehörig voll.

Halt doch die Klappe, schrie Ingrid, den eigenen Mund hinter dem Schal verborgen. Genau das meine ich doch, du mischst dich ein, du willst dich wichtig machen, merkst du nicht, dass mir das überhaupt nicht hilft? Ich sag dir was, ich kann mich auch ereifern, oh ja. Auch wenn ich repetitiv in Gefühlen geschwappt werde, ha, gerade dann. Weißt du, was ich glaube, es geht dir nicht um mich, sonst könntest du einmal kurz mit mir Gefühle benennen, so und so und dann bitte, bitte einmal andächtig nicken, und dann aber auch Schluss. Immer das ewige Bohren nach Gründen, Zersetzung der Gefühle, die Hoffnung, noch logisches Kapital daraus schlagen zu können, es geht dir doch nur um die Herrschaft. Die willst du arrogant und laut einfordern, du willst keine Herzklappen tolerieren, nee, Hierarchie, mein Lieber, es geht um deine zerebralen Kapriolen und nicht darum, wie ich mich in Einklang hier draußen bewege, denkst du, ich merke das nicht. Und - nenn' du mich ja nicht unfähig. Ich warne dich. Ich bändige dich den Umständen angemessen schon sehr gut, das soll mir mal jemand nachmachen, ich bin damit so gut beschäftigt, dass du dich nicht wundern musst, dass ich keine Nobelpreisträchtige Doktorarbeit aus den Poren schüttele. Dass ich Schlüssel verliere, immer und immer wieder und dann zu überlegen habe, woher ich das neue Schloss nehme, das ich präventiv in die Tür einbauen muss. Dass der Sattel, auf dem ich sitze, erst rostet und dann als eine Gewissheit unerwartet durchbricht und ich das ganze Rad schon wieder zur Reparatur trage, dass ich mich nachts in der bekannten Stadt verlaufe, niemals zur richtigen Zeit aufgeladene Akkus habe und hin und wieder Lähmungen wie einen halben Hausstand mit mir herumschleppe; ist Energieverschwendung, ja klar, aber – weil ich‘s eben kann! Ach.
Mach doch alleine.

Ingrid stand am Ufer und kniff kurz die Augen zusammen, bevor der Eiswind ihr daraus Sturzbäche entlocken konnte. Nicht zerfahren, bloß nicht zerfahren sein, würde das Mantra lauten und äußerlich sortiert würde sie mit warmem, unpersönlichem Lächeln und kaschierten Augenringen dastehen. Besser Unsinn sagen, als nichts, denn wer was sagt, der denkt. Sie konnte es sich ja auch nicht leisten, ihr cholerisches und narzisstisches Gehirn auch noch zu feuern.

Ach, sagte die linke Herzklappe, ich habe solche Sehnsucht. Meine Liebe, erwiderte ihr Zwilling auf der rechten Seite, ich freue mich einfach, dass wir hier sind.
22.1.18 22:25


13.12.17 08:32


Pausen sind wichtig, hatte sie gesagt. Sie hatte Ingrid dabei ermunternd angeblickt. Ingrid hatte ihr gegenüber gesessen, hatte hin und wieder den Raum gemustert. Es gab noch eine Grünpflanze, eine einzige, ein niedriges Bücherregal mit Büchern, deren Einbände alle einfarbig gehalten waren, einen kleinen Schreibtisch zu Ingrids Rechten, daneben ein Fenster, dessen weiße Vorhänge zurückgezogen waren. Es hatte keine Fensterbank und gab den Blick auf das Nachbarhaus frei. Im Haus auf der anderen Seite der Straße lebten Menschen, die Ingrid selten zu Gesicht bekommen hatte. Zwei der Wohnungen besaßen auf der Höhe, in der sie sich befanden, jeweils eine Dachterrasse. Am Morgen ließen sich manchmal Tauben auf deren Balustraden nieder. Hin und wieder zeigte sich eine Person, die draußen die spärlichen Topfblumen goss. Das Zimmer selbst war eher schmal. Die Wände weiß und nicht an allen Stellen sauber gestrichen.

Ingrid hatte genickt und den Blick erwidert, so sehr war sie nicht abgeschweift. Ja, vielleicht stimmt das, hatte sie gesagt, vielleicht ist das richtig und ich habe in sehr sehr langer Zeit gar keine Pause gemacht. Auch, wenn ich es nicht gemerkt habe, auch, wenn es mir eher scheint, als sei das Gegenteil der Fall. Vielleicht weiß ich eigentlich nicht, was das ist, eine Pause. Pausen sind vermutlich Räume, in denen man sich nicht mit etwas ablenkt, das einem das Pausieren verwehrt. Das ist nicht gerade meine Stärke. In Pausen beginnt man noch nichts Neues, jedenfalls nicht ohne weiteres.
Ist das so, hatte Ingrid gedacht. Du meine Güte, ich habe nicht die leiseste Ahnung. Ich habe nur Furcht, dass eine Pause die Leere zwischen zwei spannenden Unterrichtsstunden ist. Und ich habe Angst, dass ich mich darin bisher immer geirrt und all die guten Pausenzeiten niemals genutzt habe. Aber das, dachte sie, kann man nun wahrlich nicht rückgängig machen, ich habe immerhin mein Bestes gegeben. Ich habe ja nur nicht abwarten wollen, ich hab mich einfach immer so auf das Danach gefreut.
Ingrid hatte am Bücherregal vorbei zum Fußabtreter geblickt und auf einmal war ihr sehr leicht geworden. Sie hatte gewusst, dass eine Pause in diesem Raum schlicht unmöglich war. Ihr war sehr warm am Herzen geworden, und das waren zur Abwechslung keinesfalls Eruptionen am offenen Herzen gewesen.
Es hatte plötzlich Tränen aus ihren Augen gegeben und während sie nickte, hatte sie gelächelt. Sie hatte sich Salz und Rotz von den Lippen gewischt und sanft und deutlich gesagt: Ich möchte eigentlich lieber nichts mehr erzählen, und das wollte ich so gerne sagen.
Viel später durchquerte sie im Morgennebel die Stadt. Das Licht war trotzdem ganz hell und die Kälte gut, besonders wenn man Handschuhe trug. Auf den Dächern der Stadt sah sie an diesem Morgen gleich zweimal Figuren, die sie zu kennen glaubte. Wenn Ingrid dann nicht anders konnte, als drei, vier, fünfmal hochzublicken, wandten sich die Umrisse irgendwann um und entpuppten sich so jedes Mal als professionelle Dachdecker. Dies geschah Ingrid den gesamten Tag über und nicht immer handelte es sich bei den aufgetauchten Täuschungen um das identische Haus. Ingrid musste lachen und schüttelte auf dem Heimweg beim Vorbeifahren den Kopf. Das war der Tag, der sich teilweise auf den Dächern abspielte.
Vieles, was man in Pausen macht, ist neu, alles hat mit dem Davor zu tun, denn Pausieren ist zum Abschließen da; manchmal beginnt dort auch etwas, ja warum denn nicht. Ingrid prostete dem Abend zu, Leere fühlte sie ganz und gar nicht.
30.11.17 00:30


24.11.17 20:56


A

B
11.11.17 22:17


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